Seit über 30 Jahren studiert und lebt Philip Carr-Gomm die alten Lehren der Druiden. Als gewähltes Oberaupt des größten Druidenordens der Welt, des „Order of Bards, Ovates and Druids“ (OBOD), ist eines seiner vorrangigen Ziele, das Wissen der Druiden um unsere Natur, unsere Seelenwelt und den Kosmos in unsere moderne Zeit zu übertragen und hier anwendbar zu machen. Gerade heute scheint es wichtig, den Kontakt zur Natur wieder herzustellen, sich auf das Wesentliche zu besinnen und eine Spiritualität zu entwickeln, die sowohl unsere Einzigartigkeit wertschätzt als auch Gemeinschaft fördert. Gemeinschaft nicht nur unter uns Menschen, sondern auch als Verbundenheit mit allen anderen Wesen dieser Erde – Pflanzen, Tieren, Mineralien… In diesem Interview spricht Philip Carr-Gomm über das moderne Druidentum und was ihn persönlich daran fasziniert.

newsage: Philip, warum hast du gerade das Druidentum als deinen spirituellen Weg gewählt?
Philip: Ich habe mich immer schon für viele verschiedene Formen der Spiritualität interessiert und für mich spielt dabei der Name des Weges, den ich gehe, keine so große Rolle. Vielmehr glaube ich, dass wir alle in vielerlei Hinsicht unseren eigenen Weg gestalten müssen. Was mir am Druidentum gefällt, ist, dass es sich eindeutig zur Aufgabe macht, mir dabei zu helfen, mich tief in mir selbst geerdet und verwurzelt zu fühlen. Was Dogmen und Philosophie betrifft, besitzt es eine große Leichtigkeit, dagegen haben Erde, Regen, Feuer und Wind im Druidentum ein sehr großes Gewicht. Es ist wie eine Gans.

newsage: Wie eine Gans?
Philip: Die Gans ist der Vogel, der am Himmel am höchsten fliegt, der auf einem Bauernhof aber im Schlamm herumstolziert. Ich will eine Spiritualität leben, die mir hilft, mich in die höchsten Höhen aufzuschwingen, mir aber auch erlaubt, im Matsch herum zu planschen. Während unserer Sommercamps bauen wir uns oft eine Schlammgrube, in der wir dann einfach herum planschen. Ich mag es, wenn eine spirituelle Richtung beides verbindet: ernste Rituale und Meditationen durchführen und nackt in einem Schlammbad sitzen. Die Dichterin Mary Oliver verwendet das Bild der Gänse auf wunderbare Weise in ihrem Gedicht „Wildgänse“, wo es am Ende heißt:

Wer immer du bist, gleich, wie verlassen, die Welt bietet sich deiner Phantasie dar, ruft dich wie die wilden Gänse, mit rauer, aufregender Stimme – immer wieder, und verkündet dir deinen Platz in der Familie aller Dinge.

newsage: Würdest du sagen, dass Gedichte, Geschichten und Mythen uns mehr über eine solche Form der Spiritualität erzählen können?
Philip: Ja! Sie helfen uns dabei, zu Weisheit und unserer eigenen Wahrheit zu finden, anstatt uns immer nur auf andere zu verlassen. Es ist natürlich, dass man sich für die Ansichten und Meinungen anderer Menschen interessiert – genau wie in diesem Interview. Wir stellen jemandem eine Menge tiefgreifender Fragen, doch die interviewte Person kann immer nur aus ihrem eigenen Gefühl und Ermessen heraus antworten. Dagegen sind Geschichten, Gedichte oder Mythen kaum jemals in irgendeiner Weise wertend, sondern regen uns vielmehr dazu an, zu tieferen Ebenen des Wissens vorzustoßen. Natürlich ist das nicht immer der Fall, manche Geschichten oder Gedichte können ermüdend moralisch sein. Wenn sie aber tief verwurzelt sind in einer Kultur oder einer Spiritualität, haben sie eine vollkommen andere Qualität. Sie predigen nicht, sondern sie öffnen uns, emotional und intellektuell. Genauso wie das Leben nicht immer eindeutig und leicht zu verstehen ist, so kann auch eine gute Geschichte oder ein Gedicht womöglich mehr Fragen aufwerfen, als es beantwortet. Aber es fühlt sich lebendig an. Es hat dir geholfen, tiefgründiger zu denken und zu fühlen.

Aus genau diesem Grund spielt die Tradition der Barden im Druidentum eine so große Rolle. Und es ist auch der Grund, weshalb wir uns in unseren Zeremonien, bei unseren Camps und Treffen immer Zeit für Lieder, Geschichten und Gedichte nehmen.

newsage: Können wir diese alten Mythen verwenden oder aber neue Mythen erschaffen, um für uns und unsere Kinder eine bessere Grundlage zu bereiten?
Philip: Wir – und auch unsere Kinder – brauchen Mythen, nach denen wir unser Leben gestalten. Aber ich glaube nicht, dass es entscheidend ist, ob es sich um alte oder neue Mythen handelt. In vielerlei Hinsicht entspricht die Phrase „es gibt nichts Neues unter der Sonne“ durchaus der Wahrheit. Allerdings müssen die alten Wahrheiten immer wieder neu geboren werden. Und ich bin nicht sicher, ob man wirklich bewusst neue Mythen erschaffen kann. Mythen werden in einer anderen Welt geboren und von den Göttern gesät. Künstler und Visionäre finden diese Samen und helfen ihnen dabei, in der Welt Wurzeln zu schlagen und zu gedeihen. Und wenn du dich mit kreativen Menschen unterhältst, wirst du fast immer zu hören bekommen, dass die Inspiration von außerhalb ihrer selbst zu ihnen gelangt. Das ist es, was wir im Druidentum als „Awen“ (gälisch für Inspiration) bezeichnen.

newsage: Wie siehst du die Zukunft von Naturreligionen und vor allem die des Druidentums in der modernen Welt?
Philip: Hand in Hand mit der immer stärker werdenden Umweltzerstörung geht auch ein wachsendes Interesse an Naturreligionen. Wenn die Gefahr besteht, dass du etwas verlierst, dann beginnst du, es mehr zu schätzen. Es ereignen sich aber auch noch weitere Phänomene, von denen ich glaube, dass sie die Spiritualität der Menschen beeinflussen werden. Im Moment tendieren sämtliche Religionen zum Fundamentalismus, doch daneben kann man auch ein spannendes und ziemlich gegensätzliches Phänomen beobachten. Immer mehr Menschen erkennen, dass es sich bei den Themen, um die es in den Religionen geht, um universelle Themen handelt und es ist immer weniger in ihrem Sinne, sich Dogmen anzuschließen und sich stur mit einem bestimmten religiösen Weg zu identifizieren. Stattdessen lassen sie sich vielleicht von Elementen verschiedener Wege inspirieren, um ihren ganz eigenen individuellen Weg zu gestalten. Ein Gleichnis dafür ist das große Angebot von Farben, die du im Baumarkt kaufen kannst, um daraus genau den Farbton zu mischen, den du brauchst. Einerseits kann das zu Konsumdenken führen, was natürlich Theologen und fromme Denker gar nicht gerne sehen. Da ist dann die Rede von einem „New Age Selbstbedienungsladen“, in dem es mehr um die Vielfalt als um Tiefe geht. Doch gehen wir einmal über diese wertende Haltung hinaus und beobachten, was tatsächlich geschieht, dann stellen wir fest, dass es sehr vielen Menschen nicht mehr möglich ist, nur einer einzigen Religion zu folgen. Sie werden zu „Weltbürgern“ – sowohl in ihrem Glauben als auch in vielen anderen Dingen.

Vielleicht liegt vor uns eine Zeit, in der in vielen von uns die Erinnerungen an frühere Leben geweckt werden. Oder aber die Erfahrung, viele Leben gelebt und dabei unterschiedlichen Glaubensrichtungen angehört zu haben, trägt langsam Früchte. Das ist eine ganz besondere Evolutionsstufe, in der wir mehr als nur einen Denkansatz für uns in Anspruch nehmen dürfen. Im Druidentum erlebe ich das sehr oft, dass Menschen sich sowohl dem Druidentum als auch einer oder mehreren anderen Traditionen besonders verbunden fühlen. Da gibt es Menschen, die einen Weg gehen, der beispielsweise Buddhismus und Druidentum oder Wicca und Druidentum beinhaltet. Manche sehen sich auch als christliche Druiden oder als taoistische Druiden. Dabei verhält es sich oft so, dass die Ansätze, die miteinander kombiniert werden, einander sogar unterstützen und vertiefen.

Aber noch etwas anderes ist im Gange. Immer schon hat es Wege gegeben, die gewissermaßen „Mittelwege“ sind und die es vermögen, religiöse Unterschiede zu überwinden, wie zum Beispiel die Alchemie. Ein Alchemist kann Buddhist oder Jaina sein, Christ oder Muslim, Hindu oder Jude. Einige der Menschen, die sich auch dem Druidentum angeschlossen haben, gehen diesen „Mittelweg“ – ein innerer „Mittelweg“, der das Druidentum mit einem anderen Weg einer konventionelleren Religion kombiniert. Wenn früher ein christlicher Alchemist aus Europa einem arabischen, muslimischen Alchemisten begegnete, dann sprachen sie beide dieselbe Sprache und verstanden einander. Ich habe beobachtet, dass sich bei uns im Orden genau dasselbe abspielt, wenn christliche, buddhistische oder Wicca-Druiden aufeinander treffen. Obgleich sie sehr unterschiedlichen Religionen angehören, haben sie alle auch Gemeinsamkeiten – einen gemeinsamen Quell der Inspiration.

Wenn du mich also nach der Zukunft fragst: Für mich wird es eine Zukunft sein, in der immer mehr Menschen sich frei genug und bestärkt darin fühlen, auf ihre einzigartige und besondere Weise „ihrem Glück, ihrer Freude, ihrer Bestimmung zu folgen“, wie es der große Mythologe Joseph Campbell ausdrückte. Im Zuge dessen sehe ich auch eine enorme Kreativität auf uns zukommen – in künstlerischer, aber auch in sozialer und wissenschaftlicher Hinsicht. Ich befürchte zwar, dass die vor uns liegenden Jahrzehnte eine sehr schwierige Zeit werden, aber ich glaube auch, dass es eine überaus aufregende, innovative und farbenfrohe Zeit sein wird.

Dieses Interview erscheint Mitte März 2009 in ausführlicher Form in Philip Carr- Gomms neuem Buch „Weisheit der Natur – Altes Wissen der Druiden für unsere Zeit“.

Weitere Informationen unter:
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www.druidry.de
www.philipcarrgomm.druidry.org
www.keltia.de
www.druiden.info

BUCH-TIPP
Weisheit der Natur
205 Seiten, € 18,50

Kategorie: Natur & Reisen | Keine Kommentare
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