Aus der Sicht moderner Hirnforschung ist unser menschliches Bewusstsein lediglich ein Produkt neuronaler Verschaltungen und chemo-elektrischer Vorgänge in unserem zentralen Nervensystem – ein Credo der materialistischen Weltanschauung, das einer erkenntnistheoretischen Betrachtung nicht standhalten kann, da alles uns gegebene Sein Bewusstsein ist. Schamanen in aller Welt sind sich dieser Tatsache seit jeher bewusst und haben die Grenzen des Bewusstseins auf ihren Reisen ausgelotet, nur um festzustellen, dass es dort keine Grenzen gibt.

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In dem preisgekrönten norwegischen Film »Pathfinder« (Originaltitel »Ofelas«) erklärt der alte Fährtensucher und Sami-Schamane Raste seinem Schüler Aigin, dass alles mit allem verbunden ist und wir alle zu einer »unendlichen Bruderschaft« gehören. Als er sieht, dass sein Schüler nicht versteht, bittet er ihn, ihm zu sagen, was sich vor ihm befindet. »Nur die Zeltwand«, antwortet Aigin. »Sonst nichts?«, fragt Raste.

Der begriffsstutzige Aigin erwidert, da sei nichts. Daraufhin packt ihn der alte Schamane und hält seinem Adepten mit fester Hand Mund und Nase zu, so dass dieser beinahe erstickt. Als er ihn losgelassen hat, erklärt Raste seinem Schüler, dass da sehr wohl etwas sei und dass er, auch wenn er die Luft nicht sehe, ständig mit dieser verbunden sei und keinen Augenblick ohne sie leben könne. Und genauso sei er ständig mit der »unendlichen Bruderschaft« alles Lebendigen und Bewussten verbunden. Vergesse man das, werde man zum »Tschuden« – im Film ein marodierendes, räuberisches und mordendes Volk, das seine Verbindung mit der Welt vergessen hat.

Genauso wie Aigin entgeht uns modernen, in einer materialistisch geprägten Gesellschaft sozialisierten Menschen oft das Offensichtliche, weil wir die Welt nur oberflächlich betrachten und die Glaubenssätze unserer Weltanschauung kaum in Frage stellen. So glauben wir an eine von uns unabhängig existierende Welt der Dinge, die aber tatsächlich gar nicht unserem Erfahrungshorizont entspricht: Haben Sie schon einmal etwas erlebt, erfahren, gespürt oder empfunden, ohne sich dessen bewusst zu sein? Natürlich nicht, denn alles uns zugängliche Sein ist notgedrungener Weise Bewusstsein, ganz gleich ob diesem Bewusstsein eine Eigenständigkeit zukommt oder ob es sich holografisch in unserem Hirn abspielt. All unsere Wahrnehmungen, Empfindungen, Erinnerungen und Vorstellungen bestehen aus diesem merkwürdigen und wie die Luft in Aigins Zelt unfassbaren Bewusstsein, das für die Schamanen in aller Welt seit jeher das magische Fluidum ist, das uns mit allem verbindet.

Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt; alle Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen – als »Die Leichte.« Friedrich Nietzsche

Sich selbst neu definieren

In unserer alltäglichen Weltsicht sind wir alles andere als magische Wesen: Wir sind in einen mit Blut, Eingeweiden und Exkrementen gefüllten Hautsack eingeschlossene Kreaturen, die von einem Knochen- und Sehnengerüst getragen durch eine feindselige Welt schlurfen oder uns vor ihr in unseren Behausungen verstecken. Die Natur bleibt für gewöhnlich draußen, und wenn wir uns überhaupt in sie hineinwagen, dann meist nur gut geschützt in entsprechender »Rüstung«, sprich Kleidung. Es war ein langer Weg zur »Menschwerdung« – doch sind wir in unserer modernen Welt tatsächlich dort angekommen, wohin wir wollten?

Zum Glück gibt uns unser Bewusstsein stets die Möglichkeit, uns selbst neu zu erfinden und uns aus unserem selbst gezimmerten Gefängnis zu befreien. Als Meister der Bewusstheit kennen Schamanen viele Übungen und Wege, die uns helfen uns selbst neu zu definieren. Sind Sie bereit für eine kleine, garantiert ungefährliche Übung? Das einzige, was Sie hierbei verlieren könnten, ist ihre vorgefasste Meinung von sich und ihrer Welt.

Wenn Ihnen dieser Preis zu hoch ist, machen Sie die Übung besser nicht.

Gehen Sie für diese Übung am besten ins Freie, an einen Ort in der Natur, der Ihnen einen guten Überblick über die Landschaft erlaubt und an dem Sie nicht ständig durch andere Menschen oder die Dinge unserer Zivilisation abgelenkt sind. Setzen Sie sich bequem hin, spüren Sie in sich hinein und stellen sich die Frage: »Wer sind Sie?« Kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihrem Namen oder Ihrer persönlichen Geschichte – spüren Sie weiter in sich hinein, bis Sie bei einem namenlosen Gewahrsein angekommen sind, Ihrer Bewusstheit, in der Wahrnehmungen, Gedanken und auch Erinnerungen in einem ständigen Strom auftauchen und wieder verschwinden.

Wo sind Ihre Grenzen? Schließen Sie die Augen und spüren Sie Ihren Körper, Ihre Knochen, Ihre Haut, das eigene Gewicht. Enden Sie an den Grenzen Ihrer Haut? Greifen Sie nun mit Ihren Händen um sich, strecken Sie Ihre Arme, soweit es geht. Enden Sie an den Grenzen des physisch Greifbaren? Horchen Sie auf die Geräusche der Welt – lassen Sie Ihr Gehör mit weiterhin fest verschlossenen Augen durch die Umgebung wandern. Enden Sie an den Grenzen des für Sie Hörbaren?

Öffnen Sie nun die Augen und lassen Sie Ihren Blick bis an die Grenzen des Horizonts schweifen. Enden Sie an den Grenzen des für Sie Sichtbaren? Schließen Sie die Augen wieder und verbinden Sie sich in Ihrer Vorstellung zunächst mit der Erde – nehmen Sie den ganzen Globus in sich auf. Wenn Sie möchten, können Sie noch weitergehen und zunächst das Sonnensystem, die Galaxis mit all ihren Sternen und das ganze Universum in sich aufnehmen. Enden Sie an den Grenzen Ihrer Vorstellung? Öffnen Sie jetzt Ihre Augen wieder und spüren Sie tief in sich hinein: Wer sind Sie? Wo sind Ihre Grenzen?

Wenn wir die Grenzenlosigkeit des Bewusstseins erfahren, ändert sich bei wiederholter Übung auch die Vorstellung von dem, was wir sind. Tatsächlich sind wir auch nach wissenschaftlicher Ansicht Kinder des Kosmos – das Eisen, das unserem Blut seine rote Farbe gibt, wurde im Inneren eines sterbendes Sterns gebrütet, der Kohlenstoff und Wasserstoff, aus dem all unsere Zellen bestehen, entstammt gewaltigen Sternenexplosionen aus der Urzeit des Universums. Wenn wir ganz tief in uns hineinspüren, können wir uns damit verbinden und ungeahnte Kräfte in uns wecken, die Schamanen seit jeher nutzen. Durch unser Bewusstsein sind wir stets verbunden mit der Quelle von allem, was ist, und werden es immer sein.

Über diese Welt hinaus

Dabei ist unser Bewusstsein entgegen gängiger Vorstellungen nicht an unseren physischen Körper gefesselt. Schamanen in aller Welt praktizieren seit vielen Jahrtausenden besondere Techniken, mit deren Hilfe sie außerkörperliche Erfahrungen machen können. Sie versetzen sich hierzu mithilfe von Tanz, Trommeln, monotonen Gesängen, halluzinogenen Substanzen, Sinnesdeprivation, Reizüberflutung, Schlafentzug, Fasten, Schmerzen und vielen, je nach Tradition verschiedenen Methoden in einen Trancezustand, der darin gipfelt, dass das Bewusstsein des Schamanen den Körper buchstäblich verlässt und auf eine Reise geht. Das Ziel dieser Reise kann dabei genauso gut ein Ort in der uns bekannten Alltagswelt wie auch ein Ort in der sogenannten »Anderwelt« sein – ein Reich, das aus verschiedenen Schichten (Oberwelten und Unterwelten) besteht und von Geistwesen bevölkert wird, die manchmal als Dämonen, Engel, Verbündete, Elementarwesen oder anorganische Wesen beschrieben werden. Bei ihnen kann sich der Schamane Rat holen, um zum Beispiel ein Heilmittel für eine Krankheit zu finden.

Natürlich sind die Beschreibungen schamanischer Reisen so unterschiedlich wie die Kulturen der Schamanen und der jeweilige persönliche Hintergrund. Denn Schamanen suchen sich ihre Tätigkeit gewöhnlich nicht aus, sondern werden meist durch eine schwere Krankheit zum Schamanentum berufen. Tatsächlich können bestimmte körperliche Leiden wie etwa Fieber außerkörperliche Erfahrungen begünstigen; regelmäßig treten sie auch bei Nahtoderfahrungen auf. In früheren Zeiten galt dies stets als eindeutiges Zeichen für die Berufung zum Schamanen – heute werden solche Erfahrungen meist einfach verschwiegen, weil sie so gar nicht in unser Weltbild passen wollen und man sich nicht durch Erzählungen darüber zum Narren machen möchte.

Wenn Sie selbst nach außerkörperlichen Erfahrungen suchen und die teilweise harten Methoden der traditionellen Schamanen fürchten, gibt es drogenfreie Alternativen wie zum Beispiel das luzide oder bewusste Träumen (siehe hierzu newsage Ausgabe 3/14 und das Interview mit Jonathan Dilas in dieser Ausgabe), bei dem man sich während eines Traumes bewusst wird, dass man träumt. Mit ein wenig Übung kann man aus diesen luziden Träumen hinaus ebenfalls echte außerkörperliche Erfahrungen machen, die einer schamanischen Reise oder einer Nahtoderfahrung in nichts nachstehen.

Eine weitere Möglichkeit bietet das Holotrope Atmen, eine begleitete Atemtechnik, die Zustände gesteigerten Bewusstseins auslöst, die an sich mit traditionellen schamanischen Erfahrungen identisch sind. Das geflügelte Wort »der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst« ist nämlich nur bedingt richtig, weil man für die Erweiterung des Bewusstseins nicht unbedingt seine Gesundheit durch Drogen oder extreme Techniken aufs Spiel setzen muss. Ekstase, außerkörperliche Erfahrungen und Bewusstseinsreisen in einem geschützten Setting wie beim Holtropen Atmen sind dabei nicht nur sicherer, sondern liefern meist auch bessere Ergebnisse und angenehmere Erfahrungen.

Und denken Sie bei Ihren Reisen durch die grenzenlosen Welten der Bewusstheit (und auch sonst im Leben) immer daran:

Wir alle sind Teil einer unendlichen Bruderschaft. Verhalten Sie sich dementsprechend und Sie werden eine sichere Reise haben.

Buchtipp 1
Norbert Classen
Das Wissen der Tolteken
Carlos Castaneda und die Philosophie des Don Juan

324 Seiten, € 14,90
ISBN: 978-3-86264-265-6
Hans Nietsch Verlag
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Kategorie: Psyche & Körperarbeit | Keine Kommentare
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