»Umarme dein Leben« ist eine Botschaft an alle, die ihr Kindsein hinter sich lassen und ganz in ihr erwachsenes Dasein treten wollen, egal ob sie 30 oder 60 sind. Mit dem »Lebens-Integrations-Prozess« stellt Wilfried Nelles ein Verfahren vor, das uns dabei hilft, zu sehen und zu fühlen, was der innere Sinn, die innere Vision unseres Lebens ist. Diese Vision, die wir bei all unseren Lebenskämpfen oft vergessen haben, tragen wir von Anbeginn an in uns. In dem hier vorgestellten Verfahren können wir damit wieder Kontakt aufnehmen und die Verletzungen unseres Lebens in den Hintergrund treten lassen.

Dem Ruf des Lebens lauchenSie sagen, dass wir uns zwar im öffentlichen Leben sehr erwachsen geben, dass es aber oftmals noch kindliche Gefühle sind, die unser Handeln prägen. Können Sie ein
Beispiel nennen?

Vieles, was Paare voneinander erwarten und wie sie sich in Krisen verhalten, ist kindlich. Der andere soll uns glücklich machen, soll immer für uns da sein, uns immer verstehen – das sind alles Dinge, die ein Kind von der Mutter erwartet und auch braucht, aber nicht zwei erwachsene Menschen. Und wenn es dann anders kommt, wird gejammert, geweint und gewütet, als wenn man ein Recht auf den anderen und dessen Liebe hätte. Aber das ist nur die Oberfläche, tief im Innern sind wir alle von unseren kindlichen Erfahrungen und Gefühlen stark beeinflusst, ohne dass die meisten das bemerken.

Woher kommt das?
Es gibt dafür mindestens zwei Gründe. Der erste ist, dass uns die frühkindlichen Erfahrungen, Prägungen und Gefühle nicht bewusst sind. Nur eines von hundert möglichen Beispielen: Wenn jemand mit einem Kaiserschnitt geboren wird, die Mutter im Koma liegt und der Säugling, der bisher nur Dunkelheit kannte, unter gleißendem Licht untersucht und dabei vielleicht auch noch gestochen wird, brennt sich dies in sein Gefühlsleben ein, ohne dass man das merkt. Die Mutter, die bis jetzt seine ganze Welt war, ist plötzlich weg, alles Bekannte ist weg.

Jede intime Beziehung wird von dieser ersten Erfahrung beeinflusst sein, man wird immer auf der Hut sein und sich vielleicht nie mehr ganz auf einen Menschen einlassen. Das geschieht aber völlig automatisch und unbewusst, solange wir damit nicht in einen bewussten und gefühlsmäßigen Kontakt kommen. Das gilt für alle frühkindlichen und sogar vorgeburtlichen Erfahrungen, sie beeinflussen mehr oder weniger massiv unsere unbewussten Gefühlsreaktionen und Lebensmuster.

Das Zweite ist, dass wir das leidende Kind in uns nicht im Stich lassen wollen. Das gilt jetzt auch für die Dinge, an die wir uns erinnern. Wir glauben, dass es unserem inneren Kind gut täte, wenn wir es (und damit uns selbst) bedauern, wenn es etwas Schmerzliches erlitten hat, und dass wir seinem Leiden treu bleiben müssten.

Was unser inneres Kind wirklich braucht, ist aber etwas ganz anderes, nämlich dass es von uns gesehen wird, auch und gerade in seinem Schmerz, und dass wir ihm diesen Schmerz und sein ganzes Erleben lassen. Das heißt, dass wir uns nicht mehr damit identifizieren. Das Kind in uns ist erlöst, wenn es sieht, dass das Schlimme vorbei ist und der Erwachsene ganz normal und sicher im Leben steht und Ja zu sich selbst sagt, mit allem, was geschehen ist. Niemand außer du selbst kann das innere Kind in dir erlösen.

Was braucht es, damit wir als Erwachsener die kindlichen Verhaltensmuster hinter uns lassen können?
Eine wache und bewusste Wahrnehmung der Wirklichkeit. Zum Beispiel der Tatsache, dass man mit 40 kein Kind und auch kein Jugendlicher mehr ist. Dass man erwachsen ist und letztendlich allein in dieser Welt in dem Sinne, dass es niemanden gibt, der einem sagen kann, was richtig und was falsch ist und wie man leben soll. Man ist ganz allein verantwortlich und muss sich dieser Tatsache stellen. Dann geschieht etwas Unglaubliches: Man erkennt, dass man frei ist. Freiheit muss man sich nicht erkämpfen, wir sind frei. Solange wir darum kämpfen, sind wir in einem jugendlichen Bewusstsein. Wer wirklich erwachsen ist, weiß, dass er frei ist. Damit man das realisiert, muss man sich aber seiner persönlichen und seiner Familiengeschichte stellen. Dabei wird manches auftauchen, das sehr weh tut. Auch dem muss man sich stellen und es so lassen, ihm so zustimmen und es so zu sich nehmen, wie es ist. Das meine ich mit »Umarme dein Leben«.

Sie stellen in dem Buch ein Verfahren vor, mit dem diese Erkenntnis erreicht werden soll, den Lebens-Integrations-Prozess. Was sind die wesentlichen Punkte dieses Prozesses?
Der Lebens-Integrations-Prozess ist ein Verfahren, mit dem man den roten Faden des eigenen Lebens sehen kann. Man schaut von außen auf sein Leben, also nicht aus der Erinnerung heraus, sondern so, als sähe man es in einem Film. Ich arbeite dabei mit der Repräsentationsmethode, wie sie beim Familienstellen verwendet wird. Im Unterschied zum Familienstellen geht es aber nicht um Beziehungen zu anderen, sondern um die Haltung zu sich selbst und zur eigenen Geschichte, zum eigenen Leben. Der Klient geht innerlich in eine erwachsene Haltung und schaut von dort aus auf die Zeit im Mutterleib, auf die Kindheit und die Zeit der Jugend, die jeweils durch Stellvertreter repräsentiert werden.

»Wer mit seiner Kindheit hadert und sein Leben nicht so nimmt, wie es ist, bleibt damit verstrickt und darin stecken. Erwachsen sein heißt: Ich stimme mir zu, wie ich bin, und das beinhaltet, dass ich auch meinem Leben, meiner Geschichte zustimmen muss, wie sie ist.«

Dabei sieht man natürlich nicht alles, aber doch die entscheidenden inneren, seelischen Bewegungen. Man sieht und fühlt einerseits, was von außen auf einen eingewirkt hat und wie man dies verarbeitet hat – also zum Beispiel Probleme in der Pubertät, Verletzungen in der Kindheit, Gefährdungen des eigenen Leben vor oder bei der Geburt. Daneben taucht aber oft noch etwas ganz anderes auf: Wir sehen beim Kind im Mutterleib, dass jeder Mensch mit einer ganz bestimmten Gabe auf die Welt kommt, wenn man so will, einer inneren Bestimmung oder Lebensaufgabe. Ich nenne dies unsere »innere Vision«, die sich durch unser gesamtes Leben zieht. Sie ist etwas ganz und gar Individuelles, sie ist bei jedem anders und hat nichts mit den Eltern zu tun. Das Erkennen und Aufnehmen dieser »inneren Vision« ist der Schwerpunkt des Prozesses.

Wenn man diese innere Vision gesehen und ihr innerlich ganz zugestimmt hat, dann ist das, wie wenn man in einem Flussbett Treibholz oder Ähnliches beiseitegeräumt hat: Der Fluss fließt dann ganz von selbst. Man muss die Kraft dieses Fließens aber aushalten, denn da könnte vieles »den Bach runtergehen«, an dem man sich vorher festgehalten hat. Kontrolle und so etwas wie »sein Leben im Griff haben« gibt es dann nicht mehr. Du treibst vielmehr mit, wohin immer der Fluss dich trägt.

Dr. Wilfried Nelles
Dr. Wilfried Nelles, Jahrgang 1948, war als Sozialwissenschaftler zwölf Jahre in Forschung und Lehre tätig, ehe er zur Therapie wechselte. 1996 begegnete er dem Familienstellen, seitdem dreht sich sein Berufsleben um die Aufstellungsarbeit. Er ist Autor zahlreicher Bücher und leitet Workshops in Europa, Asien und Amerika. Im Laufe der Jahre hat sich seine Arbeit vom klassischen Aufstellen zu offenen, fließenden Aufstellungsformen mit spiritueller Ausrichtung weiterentwickelt.

Buch-TIPP
Wilfried Nelles
Umarme dein Leben Wie wir seelisch erwachsen werden Der Lebens-Integrations-Prozess
160 Seiten, € 16,50
ISBN 978-3-942502-16-0
Innenwelt Verlag
Weitere Infos unter:
Kategorie: Lifestyle / Psyche & Körperarbeit | Keine Kommentare
Bildercopyright: © Cathy Yeulet / 123rf.com; Wilfried Nelles