Seit die Globalisierung die Kulturen näher zusammengebracht hat, sind verschiedene integrative Formen der Therapie und spirituellen Praxis entstanden. Dabei wird versucht, das Beste aus zwei oder mehreren Systemen fruchtbar zu verbinden. Ein solcher Ansatz wird in der Buddhistischen Psychotherapie (BPT) seit einigen Jahrzehnten in die Praxis umgesetzt. Die Methode bietet dabei wesentlich mehr als „nur“ die Heilung von unliebsamen Verhaltensmustern.

Collage Buddhistische PsychotherapieDer Buddhismus mag als Ergänzung zu einer Therapieform durchaus prädestiniert sein. Schließlich ist er weniger eine Religion als vielmehr eine Wissenschaft, eine Wissenschaft des Geistes. Er entwickelte sich über die Jahrtausende zu einem ausgefeilten System der spirituellen Praktiken und unterschiedlichsten Ausrichtungen, die aber in ihrer Essenz gleich geblieben sind. Diese vielfach erprobte Wissenschaft hat der Menschheit detaillierte und überprüfbare Erklärungen für das menschliche Empfinden und Verhalten als auch konkrete Techniken zur Überwindung der meisten grundlegenden menschlichen Probleme geliefert, die heute immer noch funktionieren. Damit überbrückt der Buddhismus die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Tradition und Moderne.

Die buddhistische Praxis ist auf das Alltagsleben ausgerichtet. Sie unterstützt keineswegs eine Weltflucht, sondern lehrt die Kunst, tief verankert in der Welt zu sein, ohne sich in ihren flüchtigen Illusionen zu verstricken oder dauerhaft darunter zu leiden – und ohne anderen zu schaden. Die Umsetzung buddhistischer Erkenntnisse im täglichen Leben ist die Voraussetzung, damit eine Weiterentwicklung stattfinden kann.

Im Vergleich zum Buddhismus ist die westliche Psychologie, die mit William James vor etwa 100 Jahren ihren Anfang nahm, eine noch recht junge Wissenschaft, die sich von Anfang an klar von „unwissenschaftlichen“, also objektiv nicht nachweisbaren Inhalten distanzierte. Dennoch gibt es Parallelen zwischen Buddhismus und Psychologie. Ebenso wie die psychoanalytische und die tiefenpsychologische Methode beinhaltet auch der Buddhismus Persönlichkeits- und Charaktertypen. Er erkennt zudem die Problematik des menschlichen Unbewussten und betont seit jeher die Wichtigkeit von Träumen. Schließlich ist die buddhistische Praxis ganz ähnlich der Verhaltenstherapie auf das menschliche Verhalten und dessen Veränderung fokussiert.

Ein Psychologe, der seit geraumer Zeit die Buddhistische Psychotherapie in seiner Praxis anwendet, ist Dr. Matthias Ennenbach. Er weiß den spirituellen und wissenschaftlichen Aspekt in der Therapie bestens zu vereinen. In einem 475 Seiten starken Buch hat er seine Arbeit und seine Auswertungen dazu ausführlich dargelegt. Er beschreibt seine Herangehensweise, gibt Beispiele, stellt Übungen vor und integriert auch weniger bekannte buddhistische Befreiungstechniken, die sich bewährt haben.

Die Essenz des Buddhismus ist Befreiung vom Leiden und darum geht es auch in der Buddhistischen Psychotherapie. Dieser Weg der Befreiung ist stark verbunden mit der Konzentration auf das Hier und Jetzt, was durch die stetige Übung der Achtsamkeit und der Meditation erlernt wird. Die Heilung psychischer Symptome ist in der BPT allerdings nur ein Schritt. Ein weiterer Schritt besteht in der Ausrichtung auf eine erfüllende Lebensweise, die unser ganzes Potenzial und unser innerstes Wesen, unsere geistig-seelische Essenz, zum Vorschein bringt.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Leiden wird auf solche Weise behandelt, dass der zu Behandelnde begreift, dass Leiden etwas ist, das im Leben, in der Welt stets auftaucht und auftauchen wird und deshalb akzeptiert werden muss. Darüber hinaus lernt er, dass es vermeidbares Leiden gibt. Dazu gehören z. B. Emotionen, die durch Geistestätigkeit erzeugt werden. Ohne die Geistestätigkeit, die Interpretation von Geschehnissen, würden Emotionen nicht entstehen. Sie sind es, die aus einem Ereignis eine negative oder eine positive Erfahrung machen, die zu Anhaftung, Widerstand oder Unwissenheit führen, den drei Ursachen für vermeidbares Leid nach buddhistischem Verständnis.

Ein bedeutsamer Schritt in der Buddhistischen Psychotherapie besteht entsprechend darin, die eigene Verantwortung zu übernehmen. Wir selbst machen im Hier und Jetzt unsere Erfahrung, lassen allzu oft die Vergangenheit die Gegenwart einfärben oder verstricken uns in Urteilen und Schuldfragen. Das gegenwärtige achtsame Erkennen dieser Mechanismen, die meist unbewusst und sehr schnell ablaufen, ist ein hilfreiches Werkzeug, das der Patient zusammen mit dem Therapeuten anzuwenden lernt.

Ein besonderer Unterschied zwischen der BPT und anderen Formen der Psychotherapie liegt in der Bewertung von Gefühlen. Während letztere meist darauf abzielen, negative Gefühle zu reduzieren, positive zu generieren und generell den eigenen Gefühlen größere Beachtung zu schenken, nimmt die BPT mehr Abstand zu Gefühlen. Diese werden weder als gut noch als schlecht bewertet. Sie sollen urteilsfrei wahrgenommen werden – in dem Bewusstsein, dass auch gute Gefühle einen durchaus in die Irre leiten können. Aus diesem Grund wird kein Gefühl unterdrückt. Vielmehr gilt es, zwischen heilsamen und unheilsamen Gefühlen unterscheiden zu lernen. Der im Buddhismus favorisierte „Mittlere Weg“ wird damit für den Zutritt frei. Auf diesem Weg gilt es, sich nicht von, sondern inmitten aller möglichen Geisteszustände und Gefühle zu befreien – sich also wie im Auge eines Hurrikans ruhig zu zentrieren, während die Geschehnisse außen ihren Lauf nehmen.

Die BPT kann den Klienten auch das Wirken von Karma lehren. Durch das Übernehmen der eigenen Verantwortung werden die Konsequenzen des eigenen Tuns offenbar. Handelt man bewusst und in der Überzeugung, dass ein Leben nach dem Tod möglich ist, lässt sich nichts mehr so leicht auf andere schieben oder zeitlich aufschieben. Jeglicher Sinn des Lebens bündelt sich im Jetzt und kann sich gleichzeitig in diesem Gewahrsein in Unendlichkeit ausweiten. Stellt sich in diesem Bestreben die Erfahrung unserer wahren inneren Natur ein – dieses dem Auge des Hurrikans so ähnlichen, unumstößlichen Kerns –, vollzieht sich der Schritt von Heilung zum Heilsein.

Buch-TIPP
Matthias Ennenbach
Buddhistische Psychotherapie
Ein Leitfaden für heilsame Veränderungen

472 Seiten, € 14,95
ISBN 978-3-89385-639-8
Windpferd Verlag

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Kategorie: Psyche & Körperarbeit | Keine Kommentare
Bildercopyright: Illustration: © devam_will; Portraitfoto: © Matthias Ennenbach