Auf einer Safari-Tour wurde „Löwenfrau“ Linda Tucker von einem Löwenrudel angegriffen. Eine Schamanin rettete ihr das Leben. Mit dieser lebensbedrohlichen Erfahrung begann ihre Initiierung zur „Löwenschamanin“ und ihr Kampf um die Rettung der Weißen Löwen. Im Interview verrät sie, welche Bedeutung die schneeweißen Raubkatzen im ökologischen und spirituellen Sinn haben.

newsage: Sie sind in Südafrika aufgewachsen und später für eine erfolgreiche Geschäftskarriere nach Europa gegangen. Warum haben Sie diese hinter sich gelassen und sind nach Afrika zurückgekehrt?
Linda Tucker: Wenn ich so zurückschaue, kommt es mir vor, als sei ich geschlafwandelt. Ich war so ignorant und hatte überhaupt kein Gefühl dafür, mit welch wirklich wichtigen Fragen die Menschheit heute konfrontiert ist. Ich war in künstlichen Werten gefangen – im Kommerz, in der Vermarktung sowie Marken- und Imagepflege, in einer virtuellen Welt. Das war so, als wäre ich lebendig begraben gewesen. Das Schockerlebnis, beinahe von einem Rudel wilder Timbavati-Löwen gefressen zu werden, hat mich buchstäblich wachgerüttelt – und sobald man einmal zu Bewusstsein gekommen ist, gibt es kein Zurück mehr.

newsage: Können Sie die gefährliche Begegnung mit den wilden Löwen im afrikanischen Busch beschreiben?
Linda: Das war der Wendepunkt in meinem Leben. In einer mondlosen Nacht in der südafrikanischen Buschregion Timbavatis, im November 1991, fand sich eine Gruppe von uns von einem Rudel wütender Löwen in der Wildnis umzingelt. Es war ein archetypischer, wahr gewordener Alptraum, und wir fürchteten um unser Leben. Wir hätten eines grausamen Todes sterben können. Aber durch das mutige Eingreifen einer einheimischen Medizinfrau wurden wir gerettet. Sie durchschritt dieses Rudel von etwa 24 Löwen, wobei sie nach traditioneller Art der afrikanischen Mütter ein Baby auf dem Rücken trug. Es war stockdunkel und sie kam uns zu Hilfe!

newsage: Bitte erzählen Sie uns mehr über diese mutige Frau.
Linda: Sie war als „Löwenkönigin von Timbavati“ bekannt und wurde nach diesem lebensbedrohlichen und zugleich Ehrfurcht gebietenden Erlebnis meine Lehrerin. Ich gab mein erfolgreiches Leben in der Londoner Werbe- und Modewelt auf und kehrte nach Afrika zurück, um bei Maria Khosa zu lernen – der erstaunlichsten Frau, der ich je begegnet bin. Ihre Belehrungen über die Natur waren tiefgründiger und bedeutsamer als alles, was ich in all den Jahren je in Cambridge gelernt hatte.

newsage: Ihre Begegnung mit dem Rudel wilder Löwen im Busch war doch bestimmt furchterregend. Wieso setzen Sie sich heute so passioniert für die Großkatzen ein?
Linda: Meine Lehrerin Maria Khosa lehrte mich, dass die Menschheit nur zwei Prinzipien benötigt, wenn sie sich in der Natur aufhält: Erstens die Liebe. Zweitens den Respekt. Wenn Sie die Natur mit Liebe und Respekt behandeln, dann haben Sie nichts zu fürchten. Das sage ich auch in meinem Buch: Unser Schicksal liegt in der Waagschale. Die Art und Weise, wie die Menschheit mit der Natur umgeht, wird bestimmen, wie die Natur die Menschheit behandelt.

newsage: In Timbavati, dem Zuhause der Weißen Löwen, haben Sie den Global White Lion Protection Trust gegründet. Was ist das Ziel dieser Stiftung?
Linda: Nachdem ich etwa zehn Jahre lang mit Maria Khosa und weiteren afrikanischen Schamanen zusammen gearbeitet hatte, wurde mir klar, dass dringend etwas Praktisches getan werden musste, um die Weißen Löwen zu retten, die als die heiligsten Tiere auf dem afrikanischen Kontinent gelten. Deshalb gründete ich 2002 den Trust. Die Weißen Löwen sind aus ihrer natürlichen endemischen Umgebung gewaltsam in Jagdcamps, Zoos und Zirkusse auf der ganzen Welt umgesiedelt worden. Damit gelten sie in ihrer natürlichen Ursprungsumgebung seit zwei Jahrzehnten als praktisch ausgestorben. Nur die goldgelben Löwen sind in der Region geblieben, von denen einige möglicherweise noch das einzigartige Gen der Weißen Löwen in sich tragen. Nachdem die Weißen Löwen aus ihrer alten Heimat verschwunden sind, geht die Trophäenjagd auf die gelbbraunen Löwen in der Region weiter, womit der letzte überlebende Genpool der Timbavati-Region zerstört wird – der einzigen Region auf der Erde, wo der Weiße Löwe jemals in freier Natur gelebt hat.

newsage: Wie unterscheiden sich die Weißen Löwen vom „normalen“ Löwen?
Linda: Weiße Löwen sind keine Albinos sondern eine genetische Seltenheit, die nur in einer Region auf der Erde existiert und als „regionaler Polymorphismus“ bezeichnet wird. Die Augen der Weißen Löwen weisen eine blaue oder goldene Färbung auf und sind schwarz gerändert, der Nasenbereich ist schwarz gefärbt, und er hat dunkle Flecken hinter den Ohren. Im Gegensatz dazu zeigen Albino-Löwen aufgrund des Pigmentmangels in diesen Bereichen eine rosa oder rötliche Färbung auf.

newsage: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Weiße Löwe ein Vorbote des globalen Wandels ist und uns eine Botschaft überbringt. Wie lautet diese?
Linda: Wie bei allen prophetischen Tieren – ob es sich um den Weißen Büffel Amerikas, das Weiße Rentier der Sami, den Schwarzen Eisbär Alaskas oder weitere Tiere der Eingeborenen handelt – lautet die Botschaft der Weißen Löwen, dass sich die Menschheit jetzt spirituell vereinigen und sich erneut mit den heiligen Idealen unserer Mutter Erde verbinden muss. Davon hängt unser ganzes Überleben ab.

newsage: Heute sind Sie selbst Löwenpriesterin. Worin sehen sie ihre Aufgabe als weiße Frau in dieser afrikanischen spirituellen Tradition?
Linda: Ich weiß, dass ich eine Brückenbauerin bin. Es ist das ultimative Privileg, von Maria Khosa, der Löwenkönigin Timbavatis, den Mantel der „Hüterin der Weißen Löwen“ empfangen zu haben. Ich bin zwar nicht ihre biologische Tochter, aber ihre Seelentochter. Tiefgründige Wahrheiten gehen über die Kulturen und Glaubensbekenntnisse hinaus. Und der Weiße Löwe stellt eine tiefgründige Wahrheit dar, die seit undenklichen Zeiten existiert.

Informationen zum White Lion Trust:
www.whitelions.org

Veranstaltungs-Infos unter:
www.Allegria-WeisseLoewen.de

BUCH-TIPP
Linda Tucker
Die Löwenfrau
560 Seiten, 24,95
ISBN 978-3-79342119-1
Allegria

Kategorie: Spiritualität | 2 Comments
Bildercopyright: ©john liebenberg - ©Linda Tucker