Man möchte meinen, in unserer Gesellschaft würden Frauen eher ihr Glück finden als in Kulturkreisen, wo die Rechte und Freiheiten des weiblichen Geschlechts noch stärker eingeschränkt sind. Doch weit gefehlt. Statistiken zufolge sieht es in unseren Landen nicht besser aus als anderswo. Die Option, eine Beziehung oder Ehe zu beenden, wird im westlichen Kulturkreis deshalb tatkräftig genutzt, und zwar zum Großteil von Frauen. Doch warum sind Frauen so oft unzufrieden mit ihrem Partner? Sind wirklich immer die Männer Schuld?

Jahrelange Kämpfe zwischen Mutter und Vater, zwischen rebellischen Töchtern und patriarchalischen Strukturen in der Familie, zwischen Frauen und den politischen Gegebenheiten ihrer jeweiligen Heimat, haben dazu geführt, dass dem weiblichen Geschlecht nach vielen Gedulds- und Zerreißproben die gleichen Rechte zugestanden wurden wie dem männlichen – zumindest in der westlichen Welt. Doch die Errungenschaften sind auch in unserem Land noch nicht so alt – man führe sich nur vor Augen, dass das Prinzip der Gleichberechtigung von Frau und Mann erst bei der Gründung der UNO 1946 anerkannt wurde. Und so mag dies vielleicht auch ein Grund dafür sein, warum sich alte Muster und Verhaltensweisen, über Jahrhunderte gelebt und zur Gewohnheit geworden, immer noch hartnäckig halten. Die Hausarbeit etwa ist nach wie vor eine Tätigkeit, um die sich hauptsächlich Frauen kümmern. Selbst bei den 20 bis 25-Jährigen zeigen die Statistiken ein ähnliches Bild. Und die Versorgung von gemeinsamen Kindern bleibt ebenfalls zum Großteil an den Müttern hängen. Um dabei nicht völlig isoliert und abhängig vom Mann zu sein, versuchen Frauen, hier und da doch noch ein Stück ihrer ohnehin geringen Zeit abzuknapsen, um „mal raus zu kommen“ und „etwas dazu“ zu verdienen. Gedanken an die Erfüllung in einer eigenen Karriere werden eher auf später verschoben.

Dass sich viele Frauen deshalb überfordert und ungerecht behandelt fühlen, ist ihnen nicht zu verdenken. Die Lösung dieser Probleme liegt aber weder nur bei den Männern noch bei den Frauen allein. Die psychologischen Verhaltensmuster, die sich im jeweiligen Geschlecht entwickelt haben, sind das tiefer liegende Problem und gleichzeitig der Ansatzpunkt für eine bessere Organisation vom Leben zu zweit. Und da frau sich vielfach unzufriedener fühlt, sollte sie es sein, die erste Schritte in eine neue Richtung macht.

Zur Aktion schreiten
Genau an diesem Punkt macht sich allerdings ein Grundproblem bemerkbar: Initiative ergreifen, sich in eigener Sache durchsetzen, das überlassen Frauen schon mal gerne den Männern. Ob es nun Gewohnheit oder eine den Frauen innewohnende Eigenschaft ist, bleibt dahin gestellt. Fakt ist, um etwas zu ändern, müssen Frauen sich einsetzen und aktiv werden. Dies kann auch schon mit kleinen Schritten erreicht werden. Eine kurze Bestandaufnahme der Lage der Beziehung samt ihrer Schwächen und Stärken ist schnell erstellt. Dann sollte sie sich darüber klar werden, was ihr fehlt oder was ihr besonders am Herzen liegt. Dies könnte zum Beispiel sein, dass sie ab jetzt nicht mehr über den Geschirrberg im Abwasch klagt und ihn dann doch selber bewältigt, sondern letzteren Punkt entschieden streicht und diese Neuerung im Alltag auch konsequent durchzieht.

Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse nicht nur auszusprechen, womöglich als Klage gegen den Mann, sondern deren Erfüllung aktiv anzugehen, sprich: sich einmal wirklich um sich selbst kümmern. Genau hier setzt auch der Ratgeber „Liebe dich selbst, sonst liebt dich keiner“ von Irene Goldmann an. Sie sieht in der illusorischen Idee von „Mr. Right“ und der ausschließlichen Suche persönlichen Glücks in der Beziehung das Problem weiblicher Unzufriedenheit. Die Idee von einer Art „Schlaraffenland“, wie sie es nennt, in dem der perfekte Mann existiert und keine Minute ohne seine Angebetete sein kann, während er ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, stehe dem persönlichen Glück völlig im Weg. „Passivität gepaart mit extrem hohen Glückserwartungen, ist die beste Strategie, Glück zu vertreiben“, schreibt die Autorin. Außerdem sei es vollkommen unrealistisch zu erwarten, Gefühle des Verliebtseins könnten in einer langjährigen Beziehung ständig erlebt werden oder häufiges gemeinsames Zusammensein würde die Anziehung verstärken. Wer in seiner Beziehung aufregenden Sex vermisst, der muss seinen Partner wieder neu sehen lernen, eigentlich jedes Mal wieder neu sehen können, und das geht nicht ohne ein wenig Distanz.

Das Geheimnis der Anziehung
Distanz spielt in besonders aufregenden Beziehungen, wo die Anziehung sehr stark ist, eine mehr als wichtige Rolle. Sie schafft die Spannung, der die beiden Partner so gerne schmachtend erliegen. Denn umso distanzierter ein Partner sich gerade verhält, umso größer ist die Sehnsucht beim anderen. Dramen werden aus dieser Mischung von Gefühlen des Abgelehntseins und der Sehnsucht geschrieben. Die unerfüllte oder verhinderte Liebe ist der Stoff aus dem etliche Filme gemacht sind. Vielfach ist die Beziehung der Eltern oder zu den Eltern von ähnlichen Gefühlen beherrscht gewesen, sodass später das gleiche Muster in der eigenen Partnerschaft gesucht wird.

Dabei ist Verliebtsein ein Ausnahmezustand, so Goldmann. Die physiologischen und psychologischen Prozesse, die beim Verliebtsein vonstatten gehen, sind kein Dauerzustand. Zum Glück! Wer könnte schon ständig in diesem anstrengenden Zustand der Erwartung, Hoffnung und Selbstdarstellung verweilen? Auch wenn die Aufmerksamkeit beider Partner füreinander sehr hoch ist, so führt dies doch nur zu einer übersteigerten Selbstwahrnehmung, die innere Gefühle der Minderwertigkeit für eine gewisse Zeit überdecken können, aber nicht für immer. Aus diesem Grund ist es viel sinnvoller, zu schauen, welche Aspekte man bei sich selber nicht liebt, bevor man dies von jemand anderem verlangt. Erst wenn das Selbstwertgefühl aus dem eigenen Innern gespeist wird, kann es im Außen vom Gegenüber gespiegelt werden.

Selbstliebe – kein Egoismus
Um sich Schritt für Schritt diesem Ziel zu nähern, ist Bewusstheit und Bestimmtheit unerlässlich. Als sehr aufschlussreich erweisen sich dabei die Gründe, warum es mit der Liebe zu sich selbst hapert. Irene Goldmann hat dazu die weit verbreiteten Überzeugungen von Frauen untersucht, die sich im Unterbewusstsein tummeln und das Vorhaben zu mehr Selbstwertgefühl boykottieren können. Die Angst vor zu egoistischem Verhalten ist oftmals ein grundlegendes Gefühl, das Frauen immer wieder dazu verleitet, zuerst an andere als an sich zu denken. Psychologische Studien haben schon lange herausgefunden, wie dies zustande kommt: Ausgerechnet die Mütter (und andere Erzieherinnen wie etwa Kindergärtnerinnen), die hauptsächlich die Erziehung der Kinder übernehmen, machen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Dies geschieht mehr automatisch als absichtlich, da sich scheinbar die endlose Folge von Erlerntem und Gewohntem von Generation zu Generation ohne Unterbrechung und Überlegung fortsetzt. Während die Söhne zu Durchsetzungsfähigkeit und Unabhängigkeit ermuntert werden, wird bei den Töchtern Verständnis und Anpassung groß geschrieben. Die eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zu kontrollieren wird zum Ursprung von Frust und Passivität der späteren Frauen. Sehr oft entsteht dabei auch die Überzeugung, Anerkennung durch andere sei wichtiger, als sich selbst zu lieben, oder: Selbstliebe führe zu unsozialem Verhalten.

Liebe als Luxus
Goldmann räumt mit diesen Vorurteilen und fixen Ideen auf und macht Mut, neue Wege zu beschreiten. So kontert sie: „Der Mangel an Selbstliebe begünstigt asoziales Verhalten“ und „Minderwertigkeitskomplexe führen zu Egoismus“. Ebenso geht sie auf die Angst vor dem Alleinsein ein. Neben den offensichtlichen Vorteilen des Alleinseins macht sie zum Beispiel auf die Tatsache aufmerksam, dass besonders Frauen stark auf die unterschiedlichen Stimmungen in einer Gruppe von Menschen reagieren, was sehr auslaugend sein kann. Alleinsein bringt Entspannung, hilft, sich seiner eigenen Bedürfnisse und Ziele wieder bewusst zu werden und kann generell als Quelle der Kraft, Stille und Kreativität genutzt werden, wenn erst einmal die dummen Stimmen aus dem Kopf verscheucht sind, die einem einreden wollen, man sei nicht interessant genug für die Außenwelt.

Und mal ehrlich: Sind es nicht sowieso die Frauen, die sich in schwierigen Situationen als die Stärkeren erweisen, die die besseren Nerven haben, zig Dinge gleichzeitig tun können und das Gefühl von Geborgenheit am besten geben? „‚Brauchen‘ Frauen tatsächlich jemanden, der sie beim prämenstruellen Syndrom tröstet“, fragt Irene scherzhaft. Oder benötigt die Welt nicht viel dringender selbstbewusste Frauen, die um ihren Wert wissen und es sich gut gehen lassen und damit für ihr Wohlergehen die Verantwortung übernehmen können?

Sein Glück einzig auf die Komponente „Beziehung“ zu setzen, kann zumindest nicht überzeugen. Gefühle sind kapriziös und wenig beeinflussbar. Liebe kommt und geht nach Lust und Laune. Sehen Sie die Liebe doch einmal als einen Luxus an! „So wie Kaviar kein Hauptnahrungsmittel ist, ist auch die Liebe nicht in der Lage, alle grundlegenden Bedürfnisse der Frau zu stillen“, konstatiert Irene Goldmann. Denn nicht zuletzt beschert uns eine Portion Dankbarkeit und Wertschätzung ein viel offeneres Herz für die kleinen, aber deshalb nicht weniger wertvollen Dinge des Lebens und Zusammenlebens.

BUCH-TIPP
Goldmann, Irene
Liebe dich selbst sonst liebt dich keiner
160 Seiten, € 16,90
ISBN: 978-3-86616-125-2
Via Nova

Kategorie: Liebe & Sex | Keine Kommentare
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