Carlos Castaneda wurde zeitlebens von seinen Kritikern vorgeworfen, dass die Liebe in seinen Werken zu kurz komme – der von ihm und seinem Mentor Don Juan Matus gelehrte »Weg des Kriegers« sei zu rigoros, um Platz für die »schönste Sache der Welt« zu lassen. Aber ist dies wirklich so? Lässt das Streben nach Freiheit keine zwischenmenschlichen Gefühle zu oder transformiert es sie lediglich zu dem, was sie immer schon sein sollten?

Wir sind Krämerseelen, die stets darauf bedacht sind, ihre Verluste möglichst zu beschränken«, sagt Castaneda im Interview über das alltägliche Konzept der Liebe. »Bevor wir eine ‚Investition‘ tätigen, verlangen wir Sicherheiten. Wir verlieben uns – aber nur, wenn wir auch wiedergeliebt werden. Und wenn wir dann irgendwann einmal nicht mehr lieben, schneiden wir dem Objekt unserer Begierde einfach den Kopf ab und ersetzen ihn durch einen anderen. Unsere ‚Liebe‘ ist mithin reine Hysterie. Wir sind keine liebevollen Wesen, wir sind herzlos.«

Laut Don Juan haben die meisten von uns nicht gelernt zu lieben, und oft lieben wir nicht einmal uns selbst, was sich dann auch in unserer Lebensweise widerspiegelt. Und er stellt der alltäglichen Farce, die wir »Liebe« nennen, ein Konzept bedingungsloser Zuneigung gegenüber, indem er seinen Schüler fragt: »Könntest du für immer lieben, auch über den Tod hinaus? Ohne die geringste Bestätigung, ohne dass du etwas dafür zurückbekommst? Könntest du ohne jegliche Investition lieben, für nichts und wieder nichts?

Du wirst niemals wissen, wie es ist, so zu lieben: unbeugsam. Willst du wirklich sterben, ohne dieses Gefühl zu kennen?« Im Sinne der nach Freiheit strebenden Krieger ist Liebe eben keine Investition, keine »Leistung für Gegenleistung«, sondern ein von all diesen gesellschaftlichen Konventionen befreites, reines Gefühl der Zuneigung, eine Art Blankoscheck, den sie ihrem Gegenüber vertrauensvoll ausstellen. Dies bedeutet, dass sie stets bereit sind, alles für den anderen zu tun oder zu geben, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Denn echte Liebe ist frei von Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes bedingungslos – sie transzendiert alle Grenzen und besteht sogar über den Tod hinaus.

Natürlich ist eine solche Liebe nicht nur auf andere Krieger oder auf Gleichgesinnte beschränkt – dies wäre ein Widerspruch in sich selbst. Sie kann auf alles und jeden ausgedehnt werden und wir haben stets die Möglichkeit, ein in jeder Hinsicht bedingungsloses Leben zu führen, indem wir lernen, alles, was wir tun, mit ganzem Herzen und mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu tun. Dies ist tatsächlich die Essenz des Kriegergeistes, jene »Makellosigkeit«, die stets ihr Bestes gibt und nichts erwartet.

Wer dies lernen will, sollte damit beginnen, sich stets nur einer einzigen Sache zu widmen – und das mit allem, was er hat und ist. Dies bedeutet, einem anderen zuzuhören, ohne ihn zu unterbrechen, zu essen, wenn man isst, zu trinken, wenn man trinkt, zu gehen, wenn man geht. Denn erst wenn wir all unsere Handlungen achtsam und bewusst vollführen, ohne uns abzulenken, lernen wir sie vollständig wahrzunehmen und zu schätzen. Und wir erfüllen unsere Handlungen gleichzeitig mit der Kraft, die ihnen angesichts unserer eigenen Vergänglichkeit zusteht: der Kraft der unbeugsamen Absicht, Liebe und Hingabe.

Ein Hindernis ist, wie in allen anderen Belangen auf dem Weg zu einem freien Leben, die eigene Wichtigkeit, unser Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein, und die damit verbundene Erwartung, entsprechend behandelt werden zu müssen. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob unsere eigene Wichtigkeit positiv oder negativ ist. Denn Eigendünkel kann viele Formen haben, vom Größenwahn bis hin zum Märtyrerkomplex. Ob wir uns selbst nun als »großer Macher« oder als »armes Baby« darstellen, die eigene Wichtigkeit und unsere permanente Selbstbezogenheit hindern uns nicht nur daran, ein freies Leben zu führen, sondern auch, wirklich und bedingungslos zu lieben. Wir sind wie Narziss, der gebannt von seinem eigenen Spiegelbild gar nicht mehr in der Lage ist, die Welt um sich herum – geschweige denn die liebende Nymphe Echo – wahrzunehmen. Erst wenn wir uns aus dem Sog der Selbstbespiegelung befreien, haben wir eine Chance wirklich wahrzunehmen, zu fühlen und zu lieben.

Es gibt viele Techniken und Hilfsmittel, mit denen man die eigene Wichtigkeit bekämpfen und überwinden kann wie z.B. das Nicht-Tun der Erwartungen, bei dem man lernt, einfach zu handeln, ohne jegliche Erwartungen daran zu knüpfen. Oder das Nicht-Tun der Reue und der Sorgen, bei dem man sich seine eigene Sterblichkeit bewusst macht. Hier ist nicht der Platz, um auf all dies im Detail einzugehen, und der Leser sei deshalb auf unsere Literaturtipps und die Bücher von Carlos Castaneda verwiesen, die eine große praktische Hilfe sind, wenn man sie nicht als fiktionale Stories, sondern als ein unerschöpfliches Reservoir an pragmatischen Hinweisen für das eigene Leben liest.

Wenn wir die Hindernisse beiseite räumen und lernen, unbeugsam und bedingungslos zu lieben, werden wir feststellen, dass Liebe tatsächlich eine transzendierende Kraft ist und sich keineswegs nur auf den menschlichen Bereich beschränkt. Wir begegnen ihr in der Natur tatsächlich überall und nicht nur in Form der allbekannten Mutterliebe. Obstbäume geizen nicht mit ihren Früchten, und Blumen nicht mit ihren Blüten – die ganze Erde ist ein Hort der Fülle und der Freigiebigkeit. Wir müssen nur unsere Augen öffnen, um dies zu erkennen.

Tatsächlich ist die Erde, die für Don Juan Matus und die mexikanischen Schamanen selbst ein gigantisches, bewusstes Lebewesen ist, die große Liebe eines Kriegers, der Prototyp der großen Mutter, der man für das eigene Leben unendlich dankbar ist. »Nur wenn man diese Erde mit unerschütterlicher Leidenschaft liebt«, sagt Don Juan, »kann man sich von seiner Traurigkeit befreien. Ein Krieger ist immer fröhlich, weil seine Liebe unwandelbar ist und weil seine Geliebte, die Erde, ihn umarmt und mit unvorstellbaren Gaben beschenkt. Die Traurigkeit ist nur bei denen, die gerade das hassen, was ihrem Dasein Obdach gibt.«

Der alte Schamane schwärmt geradezu, wenn er von seiner Liebe zur Erde spricht: »Dieses liebliche Wesen, das bis in den letzten Winkel lebendig ist und jedes Gefühl versteht, besänftigte mich, es heilte mich von meinem Schmerz, und schließlich, als ich meine Liebe zu ihm ganz begriffen hatte, lehrte es mich Freiheit. Nur die Liebe zu diesem strahlenden Wesen kann dem Geist eines Kriegers Freiheit geben, und Freiheit ist Freude, Tüchtigkeit und Unerschrockenheit im Angesicht von Widrigkeiten. Dies ist die letzte Lektion.«

Buchtipp 1
Roman Katzer
Die Erben des Don Juan Gespräche mit Carlos Castaneda, Florinda Donner-Grau und Taisha Abelar
247 Seiten, 16,90 €
ISBN: 978-3-86264-267-0
Hans Nietsch Verlag
Buchtipp 2
Norbert Classen
Carlos Castaneda und das Vermächtnis des Don Juan
267 Seiten, 14,90 €
ISBN: 978-3-86264-264-9
Hans Nietsch Verlag
Kategorie: Liebe & Sex | Keine Kommentare
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