Der Liebe gelingt es, Disharmonien, die in jedem von uns stecken, in Einklang zu bringen. Selbst absolute Gegensätze vertragen sich, wenn es »funkt«. Während der Phase des Verliebtseins ist es nicht schwer, im Partner das Andere als etwas Besonderes und Schönes anzuerkennen. Es ist der Alltag, der viele Paare vor Probleme stellt. Eine verstärkte Bewusstheit kann helfen, hier nicht in mürbe Routine oder handfesten Frust zu verfallen.

Die Liebe leben

Schon mal vorab: Das Handtuch werfen ist selten die beste Lösung. Es ist nämlich so, dass die Probleme, die auftauchen, nicht vom Tisch sind, wenn wir den finalen Schritt tun. In einer nächsten Beziehung tauchen die gleichen Schwierigkeiten – meist nur in leicht abgewandelter Form – erneut auf. Und dann stehen wir wieder an solch einem Punkt, an dem unsere Fähigkeit zur Konfliktlösung gefragt ist.

Jedes Paar ist einzigartig, genau wie jeder Mensch einzigartig ist. Daher ist es natürlich nicht einfach, allgemeingültige Ratschläge zu geben. Therapeuten berichten aber durch die Reihen hinweg, dass bestimmte Muster in einer Partnerschaft immer wieder auftauchen. Der Autor und Arzt Daniel Dufour kann davon ebenfalls ein Lied singen. Er hat sich im Laufe seiner Tätigkeit als Mediziner immer mehr auf die tiefer liegenden psychologischen Ursachen (statt der Symptome) von Krankheit und Leid spezialisiert. Im Bereich der Partnerschaftsprobleme hat er dabei grundlegende Muster entdeckt. Da er als Arzt der Schweigepflicht unterliegt, erhält er Daten, die sonst nicht so leicht und unverfälscht ans Tageslicht kämen. Besonders Männer sprechen nicht gerne über Liebesprobleme …

Ursachen von Liebeskrisen

In den Schilderungen von Dufours Klienten tauchen immer wieder Übereinstimmungen auf, wie er berichtet. Diese hat er auf einige wenige Ursachen zurückführen können. Wie die Einzelpersonen auf diese Ursachen reagieren, ist verschieden; die Ursachen selbst jedoch sind eigentlich so simpel und universell, dass sie oft einfach nicht ernst genommen werden. Probleme im Bereich der direktesten Interaktion zwischen Menschen – der Liebesbeziehung – liegen Daniel Dufour zufolge in der Art begründet, wie wir die Welt in unseren ersten Lebensjahren erfahren. Sind wir willkommen? Werden wir um unserer selbst willen geliebt? Was für ein Konzept von Liebe leben unsere Eltern? Diese Dinge sind maßgeblich für jede spätere Erfahrung, da sie unser Bewusstsein sozusagen grundlegend formen.

Wir tendieren dazu, diese Erfahrungen weniger ernst zu nehmen, da wir uns bis zum Erwachsensein ein dickes Fell zugelegt haben. Diese oft nur subtilen Nuancen in der Interaktion zwischen Mutter und Kind betrachten wir dann als Kleinigkeiten. Was wir selbst als Kind erfahren haben, ist meist gründlich im Verdrängungsprozess getilgt worden. Schlechte Erfahrungen können aber auch einfach unscheinbar sein. Ein Gefühl der Verlassenheit kann sich bei einem Baby (das noch kein dickes Fell hat) bereits dann breitmachen, wenn die Mutter emotional nicht wirklich mit ihrem Kind verbunden ist. Es muss nicht physisch verlassen worden sein, um ein solches Gefühl zu entwickeln.

Liebe – mit oder ohne Bedingungen?

Was wir gemeinhin mit Liebe meinen, ist oft nur ein Gefühl der Verliebtheit. Doch das Gefühl der Liebe, das beständig ist und bleibt, auch wenn der Partner nicht die eigenen Bedingungen erfüllt, diese Art von Liebe scheint kaum einer zu beherrschen. Diese Unfähigkeit führt dazu, dass Kinder von klein auf nur die eine Form der Liebe kennenlernen – diejenige, die nicht bedingungslos ist. Und es prägt später eine ganze Gesellschaft mit Leistungsdenken und Wertvorstellungen.

Die Mütter sind dabei keineswegs als ultimativer Dreh- und Angelpunkt des Problems anzusehen. Hier konzentriert sich zwar die Problematik, da ein Neugeborenes sehr formbar ist und von der Mutter nicht nur die Muttermilch gierig aufsaugt, sondern auch alles, was sie fühlt und vermittelt. Aber es gibt etwas noch viel Grundlegenderes im menschlichen So-Sein, das der wahren Liebe diametral entgegensteht: das Ego.

Die Spiegelung des Selbst

Sobald eine Person ein Bewusstsein von sich selbst entwickelt, beginnt das Ego zu wachsen. Dieses wird maßgeblich von den uns umgebenden Menschen beeinflusst, denn erst durch die Reaktionen eines Gegenübers kann man Rückschlüsse auf sich selbst ziehen. Man kann dies mit einem Spiegel vergleichen: Erst durch die Reflexion bekommen wir ein deutliches Bild von uns. Unser Umfeld spielt also eine wichtige Rolle.

Mit der Zeit sorgt das Ego dafür, dass man sich immer mehr von sich selbst entfernt und statt dessen eine Persona aufbaut, die nach außen wirkt wie eine Maske. Letzten Endes entfernt man sich dadurch nicht nur von sich selbst. Es hat noch weitreichendere Folgen. Man entfernt sich auch von einer Seinsweise, die eine direkte unbeeinträchtigte Wahrnehmung der Welt möglich macht. Das Gefühl der Getrenntheit hat hier seinen Ursprung. Und die ewige Suche nach Liebe …

Zu sich kommen, bei sich bleiben

Um Liebe zu erfahren und tagtäglich leben zu können, ist es wichtig, das Ego beiseite zu lassen. Wir müssen uns selbst unter all den Ideen, wer wir sein wollen, wiederfi nden und uns so annehmen, wie wir sind – bedingungslos. Erst dann können wir auch andere bedingungslos akzeptieren. Aufopferung ist daher nicht die Lösung, sie ist nur eine Variante des Ego, die laut Dufour tief in unserer jüdisch-christlichen Erziehung fußt.

Dieser zufolge bedeutet lieben, den Anderen zu lieben und sich selbst zurückzunehmen. Dies verleitet manche dazu, die eigene Persönlichkeit um der Partnerschaft willen unterzuordnen. Doch wenn man sich selbst verneint und nicht respektiert, scheitert die Beziehung meist – vor allem auf emotionaler Basis.

»Wenn jemand, der sein Leben mit einem anderen teilen möchte, sich selbst nicht liebt, dann wird es für ihn oder sie sehr schwierig, ja unmöglich, den Anderen zu lieben«, erläutert Dufour. Somit führt kein Weg daran vorbei, die ersehnte Liebe in sich selbst zu aktivieren. Eine verstärkte Bewusstheit, was den Umgang mit sich selbst angeht, ist dafür nötig.

Wie reagiere ich darauf, was ich mache und bewirke? Was sage ich eigentlich im Laufe eines Tages alles zu mir selbst? Wie fühlt es sich an, wenn ich ein bestimmtes Verhalten an den Tag lege? Wann bin ich weniger bei mir als beim anderen?

Alles in uns will angenommen werden. Es braucht Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Abenteuer Bewusstheit

Diese Art der Bewusstheit und Zuwendung zu entwickeln, ist absolut lohnenswert. Sie führt uns unweigerlich näher zu uns selbst. Wir bekommen plötzlich klar mit, was wir machen, sagen, denken und wann sich diese kaum merklichen Spannungen – besonders im Bauch und Brustbereich – in uns ausbreiten, die Dufour zufolge Anzeichen erhöhter Ego-Aktivität sind. Wir kommen ganz ins Hier und Jetzt, befreien alte Gefühle und bekommen ein Gespür für die eigenen Muster und dafür, was unsere Weiterentwicklung fördert. Das Zusammenleben mit anderen erhält dadurch mehr Flow und gleichzeitig mehr Tiefe. Es ist erstaunlich, wie Bewusstheit auch auf die Umwelt »abfärbt«.

Stetige Wachsamkeit, Achtsamkeit, Bewusstheit – all diese Begriffe meinen das gleiche. Sie sind zu Schlüsselworten geworden, weil sie uns so oft fehlen. Und wenn wir doch einmal wachsam sind, achten wir allzu häufig auf den Anderen und nicht auf die eigene Person. Aber nur im eigenen Innern können wir mit dem Auflösen hinderlicher Muster beginnen. Hierbei lernen wir, was uns wirklich antreibt und wie es nach außen seine Wirkung und Resonanz entfaltet. Das Projekt Wachsamkeit ist dabei eines, das tagtäglich angegangen werden sollte. Bis es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Nur mit Regelmäßigkeit erreichen wir hier eine wirkliche Veränderung.

Das Ego – die »Denke«

Daniel Dufour sieht eine enge Verbindung zwischen unserem Denken und unserem Ego. Deshalb nennt er das Ego »Denke«. Diese vergleicht er mit »Krücken«, mittels derer wir alten verdrängten Gefühlen der Verlassenheit aus dem Weg gehen. Andererseits sei die Denke dieses sich unaufhörlich drehende Hamsterrad, das ständig auf Probleme programmiert ist.

Die Denke verhindert, dass wir in der Gegenwart leben. Sie verweist gerne in die Zukunft, die mit Befürchtungen, Beklommenheit und Ängsten gefüllt wird. Sie verhindert, dass wir Emotionen ganz zulassen und lässt uns statt dessen in Machtgehabe investieren. Für die Denke ist das Leben eine permanente Gefahr. Spontaneität ist ihr ungeheuer, denn sie möchte nicht, dass sich etwas ändert. Am liebsten verheizt sie unsere gesamte Energie in kleinlichen Ego-Spielen.

Die Denke geht so weit, dass sie uns glauben lässt, wir seien anders und überlegen. Sie ist für den menschlichen Hochmut verantwortlich, der sich auf die Hoheit des Gehirns beruft, welches uns zu besonderen Geschöpfen mache, die sich nicht ihrer Umwelt anzupassen hätten, sondern über sie bestimmen dürften. Doch diese Art, das Leben anzugehen, bringt kein Wachstum und keine Liebe. Sie kann zu einem Gefängnis werden, das uns von allem Lebendigen und Fließenden trennt – und ganz besonders von der Liebe.

Die Flügel der Liebe

Liebe braucht Lebendigkeit und muss im Fluss sein. Sie ist niemals statisch und immer gleich. Sie durchläuft verschiedenste Stadien, Phasen unterschiedlichster Gefühle. Um sie zu einer treuen Begleiterin im eigenen Leben zu machen, können wir uns ihr nur anvertrauen, denn sie wirkt auf ihre ganz eigene Weise – mal offen und berauschend, mal dunkel und geheimnisvoll, mal leise und besinnlich, mal intensiv und Grenzen sprengend.

Wir können sie mit Bewusstheit und Achtsamkeit erleben, leben, ihr Wirken bis in jede Faser unseres Seins spüren. Genau das suchen wir. Und genau das kann sie uns geben, wenn wir ihr unsere Aufmerksamkeit und Energie schenken. Im Gegenzug … verleiht sie uns Flügel.

Buchtipp
Dr. med. Daniel Dufour
Liebeskrisen Verletzte Gefühle heilen – Beziehungs-
probleme lösen

190 Seiten, 14,95 €
ISBN: 978-3-86374-221-8
Mankau Verlag
Kategorie: Liebe & Sex | Keine Kommentare
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