Eine spontane Entrückung oder Aktivierung des Energiekörpers gilt in vielen Kulturen als Zeichen spiritueller Fähigkeiten. In schamanischen Kulturen wird damit eine Ausbildung zum Schamanen besiegelt. Bei uns ist ein solches Thema nur im psychologischen oder spirituellen Kontext salonfähig. Wenn es dabei auch noch um Sex geht, rührt man sogar an eine Art Tabu.

sexDie amerikanische Psychologin Jenny Wade hatte einst beim Sex eine außergewöhnliche Erfahrung: Sie landete unvermittelt in einer exotischen Vision, die mit ihrem Leben überhaupt nichts zu tun hatte. Sie sprach nicht über das Erlebnis, doch als Wissenschaftlerin im Bereich der transpersonalen Psychologie fand sie darin einen perfekten Forschungsgegenstand: Sie untersuchte Menschen, die eine spontane transzendente Erfahrungen beim Sex hatten. Ihre Studie wies nach, dass jeder Zwanzigste dazu gezählt werden konnte.

Die Untersuchung ist in vielerlei Hinsicht bahnbrechend. Sie zeigt z.B., dass ganz normale Leute unter den ausgewählten Probanden waren, denen ein Interesse an Spiritualität oder Bewusstseinserweiterung oft gänzlich fehlte. Sie führt außerdem das Credo vieler Religionen, Sexualität sei etwas Sündiges, ad absurdum. Die zahlreichen Bewusstseins-Methoden und -Techniken verschiedener spiritueller Richtungen verlieren in diesem Zuge ebenfalls ihren exklusiven Charakter.

Die Bandbreite der Erfahrungen reicht vom Verlassen des physischen Körpers über geistige Verschmelzung bis hin zu einer himmlischen Seligkeit, wie sie von Mystikern beschrieben wird. Wahrscheinlich aufgrund der Angst, für verrückt erklärt zu werden, und in Verbindung mit einem auf vielerlei Weise behafteten Thema wie Sex spricht ein Großteil der Betroffenen nicht über das Erlebte. Erstaunliche 80 Prozent der Teilnehmer an Jenny Wades Studie berichteten, dass sie nicht einmal ihrem Partner von dem Erlebnis erzählt hatten.

Sex und Geist

Fest steht: Sex und Geist sind keine Gegensätze, sondern eher zwei Dimensionen einer einzigen Wirklichkeit. Die beschriebenen Erfahrungen sind authentische spirituelle Erlebnisse, die etlichen bekannten Berichten von Erwachten oder Erleuchteten gleichen. Allerdings stellen sie vorübergehende Zustände dar. Die Gipfelerlebnisse können eine spirituelle Entwicklung lediglich vorantreiben. Häufig haben sich die Teilnehmer der Studie im Anschluss an ihr Erlebnis auf die Suche nach Erklärungen für die geheimnisvollen, erhebenden Zustände gemacht.

Die Probanden stellten einen bunten Querschnitt durch die Bevölkerung dar. Sie waren unterschiedlichen Geschlechts und unterschiedlicher Hautfarbe, entstammten verschiedenen Religionen, Altersgruppen und Kulturen und hatten unterschiedliche sexuelle Vorlieben. Es gab keine Hinweise, dass besondere Techniken, eine besonders tiefe Beziehung oder starke Erregung, bestimmte Überzeugungen oder der Orgasmus eine Rolle gespielt hätten – bei den meisten stand der Höhepunkt sogar völlig im Schatten der Gefühle des Transzendenz-Erlebnisses.

Ohne jegliche Vorankündigung oder Vorbereitung fanden sich diese Menschen während des Liebesakts in anderen Welten wieder. Die Realität wurde durchlässiger, eine Auflösung der Grenzen zwischen Ich und Umgebung fand statt. Die Betroffenen erkannten teilweise sich selbst oder den Partner nicht mehr. Manche fühlten sich an einen anderen Ort entrückt, wurden von einer strahlenden Wesenheit begleitet oder sogar von einer fremdartigen Wesenheit besessen. In selten Fällen verschwand jegliches Zeitgefühl. Die Betroffenen stellen fest, dass sie und ihr Partner in frühere Leben zurückversetzt wurden – und vieles mehr …

Alles ist Göttlich

Die Studie von Jenny Wade setzt ein deutliches Zeichen. Wir sollten die materielle Welt mit der spirituellen Welt verbinden, alles ist vom Göttlichen durchdrungen. Die dokumentierten Berichte führen uns vor Augen, dass der Geist und das Mysterium überall zu finden sind – und vor allem in unseren Herzen.

Lesen Sie im Anschluss einen Ausschnitt aus Jenny Wades Buch »Transcendent Sex«, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist:

Aber so ein nettes Mädchen wie du doch nicht, oder?

Ich selbst wollte eigentlich auch nicht darüber reden. Doch es geschah zweierlei: Aus heiterem Himmel und nachdem ich ein ganzes Leben lang normalen Sex gehabt hatte, passierte es mir eines Tages auch. Ich schwieg. Erst Jahre später und im Zusammenhang mit meiner Arbeit rebellierte ich gegen die Auffassung von Kollegen und Freunden – oft prominente Köpfe in der zeitgenössischen Spiritualität –, die felsenfest darauf beharrten, die »wahre« spirituelle Suche finde nur im Rahmen bestimmter anerkannter Disziplinen, Übungen und Übertragungslinien statt.

Ich begann ein Forschungsprojekt mit dem Ziel, herauszufinden, ob ich die Einzige war, die einige ihrer am stärksten transformierenden Momente als Zugabe im Schlafzimmer erlebt hatte. Ich entdeckte mehr Berichte über sexuelle Transzendenz-Erfahrungen, als ich mir je hätte vorstellen können. Aber ich entdeckte auch, dass praktisch niemand darüber sprach, nicht einmal mit dem Partner. Uns fehlte allen der Mut zuzugeben, dass wir von Ereignissen tiefgreifend verändert worden waren, die, hätten sie auf einer Gebetsbank oder einem Meditationskissen stattgefunden, enthusiastisch gefeiert worden wären.

Alle wollen meine Geschichte hören, doch die ist nicht annähernd so dramatisch wie jene, die ich bei anderen gesammelt habe. Ich bin Entwicklungspsychologin und erforsche unterschiedliche Bewusstseinszustände – von solchen, die als normal gelten, bis zu den sogenannten veränderten Bewusstseinszuständen (wie Erinnerungen an die Zeit vor der Geburt, Trance etc.). Das mag esoterisch klingen, doch als Beraterin für Organisationsentwicklung wende ich ein Gutteil meines Fachwissens über »normale« Bewusstseinszustände auf sehr konkrete, real-weltliche Geschäftssituationen an.

Nichts im Leben hatte mich auf ekstatischen Sex vorbereitet. Ich bin keine spirituelle Eingeweihte und ich bin ganz bestimmt keine Liebesgöttin. Aufgewachsen bin ich in einem konservativen methodistischen und baptistischen Elternhaus. Später wandte ich mich einer kontemplativen Richtung der Episkopalkirche zu. Als »geburtenstarker Jahrgang«, der Anfang der 1970er Jahre volljährig wurde, habe ich eine relativ liberale sexuelle Einstellung und hatte im Laufe der Jahre mehrere Partner. Ich betrachte mich nicht als sonderlich begabte oder versierte Geliebte.

Transzendente Erfahrung

Damals ging ich, wie bereits unzählige Male zuvor, mit einem Mann ins Bett, den ich sehr liebte und mit dem der Sex immer fantastisch, aber keineswegs ungewöhnlich gewesen war. Zu meiner Überraschung veränderte sich das Zimmer, in dem wir uns befanden. Die rechtwinkligen weißen Wände lösten sich auf, und es entstand eine runde, rosafarbene Kammer mit einer griechisch anmutenden Mäander-Bordüre unterhalb der Decke. Als Nächstes weiß ich nur noch, dass ich nicht mehr in diesem Raum war, sondern von einem sonnigen Strand aus über glitzernde, ultramarinblaue Meereswellen schaute. Plötzlich war ich von Meereswesen umgeben. Zunächst glaubte ich, ich sei vom Strand aus in die Meerestiefen hinabgezogen worden, doch dann erkannte ich, dass die Meereswesen gar nicht echt waren. Sie waren vielmehr Bilder aller möglichen Fische und Oktopus-Arten an den zart grünlich-blauen Wänden eines weiteren, völlig anderen Raumes. Die Bilder waren im charakteristischen Stil des antiken Kreta gemalt, einer Kultur, über die ich so gut wie gar nichts weiß.

Ich war durchdrungen von tiefstem Frieden, von Staunen, Freude und Glückseligkeit. Nach und nach glitt ich wieder zurück in die reale Welt, in der wir uns liebten – ohne die geringste Ahnung, woher die Vision gekommen war und wie lange sie gedauert hatte. Mein Partner hatte anscheinend gar nicht bemerkt, dass etwas Ungewöhnliches geschehen war; und ich hätte es als taktlos empfunden, ihm zu sagen, dass meine Aufmerksamkeit so weit von ihm weggewandert war. Außerdem war es auch ein bisschen merkwürdig, vermutlich eine vorübergehende Verirrung, die nie wieder vorkommen würde. So oder so ähnlich legte ich es mir zurecht.

Ein neues Verständnis

Doch das war noch nicht alles. Diese spezielle Vision habe ich nie wieder gesehen, wohl aber andere. Dann hatte ich eine Episode, die zu intensiv war, als dass ich sie hätte für mich behalten können. Die ganze Welt verschwand in einer Welle aus weißem Licht, das daraufhin klar und dann zum Nichts wurde, zur Nichtdualität, zur Leere – zu dem, was Zen-Buddhisten als Kensho bezeichnen oder was allgemein als Nirvana oder Samadhi bekannt ist. Mein Realitätsverständnis war von da an ein anderes.

Als ich wieder zum normalen Bewusstsein zurückkehrte, war ich von Ehrfurcht und Glückseligkeit ergriffen. Plötzlich hatte ich verstanden: Das war es, wovon die Heiligen und Weisen immer sprachen, das, was wahr ist. Mir ging das Herz über vor der Tiefe und heiligen Absurdität des Ganzen und auch vor Erheiterung, weil ich eine buddhistische statt einer christlichen Erfahrung gemacht hatte (was aber gar nicht so selten ist, wie ich später herausfinden sollte). Mein Geliebter wunderte sich, warum ich so abwesend aussah und gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen. Zum Glück hatte er Verständnis.

Ich erfuhr, dass sehr wenige Menschen mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner darüber sprechen, aus Angst, ausgelacht zu werden – auch dies ein Grund, weshalb heiliger Sex ein Geheimnis blieb. Es hat eine gewisse Zeit gedauert, doch dann veränderte diese Episode mein Leben spürbar – und sie weckte den Wunsch, mehr über solche Erlebnisse zu erfahren und sie öffentlich zu machen.

Wunderbare Geschichten

Bei meinen Recherchen entdeckte ich wunderbare Geschichten um Liebe, Abenteuer, Erkenntnis, Ekstase und Verwandlung – Geschichten, die jenen in den Annalen der spirituellen Entdeckungen in nichts nachstehen.

Diese unglaublich schöne Facette des Potenzials, das uns als Menschen offensteht, wollte ich anderen zugänglich machen, damit sie sie nutzen können. Etwa so wie auch Nahtod-Erfahrungen, die viele Menschen tief beeinflusst haben, schließlich auf eine Art und Weise veröffentlicht wurden, die vielen Hoffnung und Trost spendet. Sex ist vielleicht nicht so dramatisch und universell wie der Tod, aber er bietet sehr viel mehr Möglichkeiten zu tiefer spiritueller Öffnung und Heilung, sogar für jene, die durch Missbrauch oder Inzest in ihrer Sexualität schwer geschädigt wurden.

Außerdem wollte ich einen hilfreichen Kontext zur Verfügung stellen, in dem solche Ereignisse zu verstehen sind. Denn Transzendenz-Erfahrungen können, besonders wenn sie spontan eintreten, sehr aufwühlend sein und unsere Vorstellungen von der Realität oder sogar unsere geistige Gesundheit erheblich ins Wanken bringen. Viele, mit denen ich gesprochen habe, freuten sich über ihre Erfahrungen, empfanden sie aber auch als verwirrend und hatten das Gefühl, dass es niemanden gab, an den sie sich wenden könnten und der ihnen verständnisvoll zuhören würde, am wenigsten ihre Partner oder geistlichen
Berater.

Buch-TIPP
sex_buch
Jenny Wade
Transcendent Sex
336 Seiten, € 19,90
ISBN: 978-3-89427-676-8
Aquamarin Verlag

Kategorie: Liebe & Sex / Spiritualität | Keine Kommentare
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