Träume haben die Menschheit seit jeher fasziniert: Die nächtlichen Erlebnisse wurden schon zu biblischen Zeiten gedeutet und für göttliche Botschaften gehalten. Bei manchen Völkern gab und gibt es echte Traumkulturen in denen z.B. die Fähigkeit, bewusst zu träumen, kultiviert wurde, während bei uns wenig Aufmerksamkeit auf die Nachtseite des Bewusstseins gelenkt wird. Erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte die moderne Schlaf- und Traumforschung erste zarte Knospen, während einige Pioniere weitergingen, um das immer noch rätselhafte Phänomen praktisch zu erkunden, indem sie lernten, willentlich in ihren Träumen aufzuwachen und bewusst in ihnen zu handeln. Eine Möglichkeit, die jedem von uns offensteht, und ein Abenteuer, das uns völlig neue Erfahrungen erschließen kann.

Illustration TraumSeit prähistorischer Zeit besaßen Träume eine überragende Bedeutung für die Menschheit. In fast allen Überlieferungen alter Kulturen von Mesopotamien über Ägypten bis ins antike Griechenland finden wir Geschichten von Traumdeutungen, aber auch von Ritualen wie dem Tempelschlaf, in dem es darum ging, im Traum Botschaften von den Göttern zu erhalten oder Heilung zu erfahren. Wie wir aus der Bibel wissen, wurden wichtige politische Entscheidungen nicht getroffen, ohne die Träume des Herrschers zurate zu ziehen, und Traumdeuter, welche die oft rätselhaften Botschaften entschlüsselten, hatten Hochkonjunktur. Bis ins späte Mittelalter waren im ganzen Abendland Traumbücher verbreitet, die helfen sollten, den in den Träumen versteckten göttlichen Willen zu entziffern.

Denn ein Traum,
ist alles Sein,
und die Träume,
selbst der Traum.
Pedro Calderón de la Barca (La vida es sueño)

Erst mit dem Aufkommen der Moderne und dem »Primat des Verstandes« wurden die Träume entmystifiziert – man hielt sie entweder für physisch erklärbare Reflexe während des Schlafes oder mit dem Aufkeimen der Psychologie meist für eine Art »Verarbeitung« zuvor erlebter Tagesinhalte. Träume konnten zwar immer noch gedeutet werden, aber der göttliche Nimbus wurde ihnen entzogen – ja sie wurden sogar zu Fantasiegebilden abgewertet, zur Einbildung ohne jede zugrunde liegende Realität. Was ist also dran an unseren nächtlichen Erlebnissen? Sind Träume wirklich nur Schäume, wie das Sprichwort meint?

Oder sind sie »real« und praktisch nutzbar?

Ein Phänomen wird wiederentdeckt

Die moderne Traumforschung hat gezeigt, dass die Traumfunktion eine stammesgeschichtlich sehr alte Erscheinung ist: Auch Katzen und Hunde träumen ähnlich wie wir Menschen und sogar bei einem urtümlichen Säugetiergeschlecht, den Opossums, konnten Traumaktivitäten nachgewiesen werden. Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass auch Vögel und Reptilien träumen. Man kann daraus schließen, dass die Traumfunktion mindestens einige Hundert Millionen Jahre alt ist. Die Träume begleiteten unsere Vorfahren also schon, lange bevor Sprache und Vernunft ihre ersten zaghaften Schritte machten.

Wissenschaftlich belegt ist auch, dass alle Menschen träumen, selbst wenn sich manche nicht oder nur selten an ihre Träume erinnern. Unser Schlaf findet in zyklischen Phasen statt, in denen sich der traumlose orthodoxe Schlaf (Tiefschlaf) mit dem paradoxen Schlaf, dem eigentlichen Traumschlaf mit seinen charakteristischen schnellen Augenbewegungen (rapid eye movements, kurz REM), abwechselt. Dabei ähneln die Hirnstrommuster während des REM-Schlafes auffällig den Mustern unseres Wachbewusstseins, während in den verschiedenen Phasen des orthodoxen Schlafes andere Hirnstrommuster vorherrschen. Unser Gehirn ist also auf gewisse Weise wach, ohne wach zu sein. Nicht nur die motorischen Zentren, die psychische Impulse in Bewegung umsetzen, sind während des REM-Schlafes ausgeschaltet, auch unser Ich-Bewusstsein ist nur rudimentär vorhanden, so dass wir keine Kontrolle über unser Erleben im Traum haben.

Dass dem nicht so sein muss, haben im letzten Jahrhundert einige Forscher wiederentdeckt, als sie auf das Phänomen »luziden« stießen, ein Begriff der von dem niederländischen Psychologen Frederik Willems van Eeden geprägt wurde, um einen Traum zu beschreiben, in dem sich der Träumer nicht nur bewusst ist, dass er träumt, sondern in dem dieser auch willentlich und zielgerichtet handeln kann. Van Eedens Forschungen und die Arbeit anderer Pioniere auf diesem Gebiet wurden lange in Fachkreisen ignoriert, als Halluzinationen abgetan oder einfach in die »esoterische Ecke« gestellt. Zumal das »bewusste Träumen« auch in New-Age-Strömungen wie bei Carlos Castaneda oder Robert A. Monroe eine tragende Rolle spielt. Das war etwas für Spinner und Psychonauten, nichts für eine ernsthafte, wissenschaftliche Psychologie.

Erst Wissenschaftler wie Stephen LaBerge und der 1998 verstorbene Paul Tholey haben eine systematische Erforschung des luziden Träumens vorangetrieben, auch indem sie sich selbst immer wieder in diesen Zustand hineinbegeben haben. Es wurde nachgewiesen, dass es den Zustand tatsächlich gibt und dass er ein weites Feld an weiteren Möglichkeiten eröffnet: Während LaBerge einen unschätzbaren Wert für die Traumforschung sieht, hat Tholey zu Lebzeiten den „Klartraum«, wie er ihn nennt, als ein großartiges Lerninstrument verstanden.

Als Sportpsychologe nutzte Tholey Klarträume systematisch, um komplexe Bewegungsabläufe zu erlernen. Im bewussten Traum war es ihm möglich, Risikosportarten wie Skateboard, Kunstrad oder Snowboard gefahrlos zu »trainieren«, um sich so quasi antizipatorisch auf die Praxis im Wachzustand vorzubereiten und Bewegungsabläufe durch die »virtuelle« Übung im Traum zu perfektionieren. Tholey war dabei nicht nur selbst überaus erfolgreich, sondern brachte auch Spitzensportlern bei, im Klartraum zu trainieren und so ihre Leistung zu steigern.

Von Träumern und Träumen

Ich selbst praktiziere das bewusste Träumen seit 1981 und habe im Laufe der Jahre erstaunliche Erfahrungen damit gemacht. So lernte ich im Traum z.B. das Mischen von Karten, das mir in der »Realität« zuvor nur schwer von der Hand ging, oder das Obertonsingen. Keine große Sache, mag man denken, zumal man dies auch außerhalb des Träumens erlernen kann. Das ist sicher wahr, doch meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es im bewussten Traum leichter fällt Dinge zu erlernen oder Fähigkeiten zu entwickeln, u.a., weil man dort nicht den Beschränkungen unterliegt, die unsere alltägliche Wirklichkeit prägen. So kann man im luziden Traum z.B. fliegen, durch Wände gehen oder sich in einen Vogel verwandeln – Erfahrungen, die an und für sich fantastisch sind. Die Auflösung der Grenzen muss dabei übrigens keineswegs zur Weltflucht führen, wie Kritiker des luziden Träumens oft vermuten – im Gegenteil, man kann im Traum erlernte Fähigkeiten oder Trauminhalte mit in unsere alltägliche Wirklichkeit bringen.

Beispiele hierfür gibt es viele: In den letzten 30 Jahren habe ich einige andere luzide Träumer kennengelernt, die den Zustand auf unterschiedliche Weise nutzen. Manche sind Künstler, die im Traum gemalte Bilder nach dem Erwachen reproduzieren, oder Schriftsteller, die Texte oder Teile davon aus der Welt der Träume mitbringen. Einer ist ein evangelischer Theologie-Professor, der sich das bewusste Träumen selbst beigebracht hat – er ist ein von Krankheit geschlagener Mensch, der unter einer schweren Schuppenflechtenarthritis leidet und sich nur schlecht bewegen kann. Besser als alle Medikamente hilft es ihm, wenn er sich ab und zu in einem luziden Traum in eine erträumte warme Quelle begibt, die ihm augenblicklich Linderung verschafft, die über den Traum hinweg einige Tage lang anhält.

Auch jenseits des luziden Traumes ist das Phänomen bekannt, dass Träume buchstäblich wirklich werden; weniger bekannt ist, dass viele moderne Errungenschaften, die gerne dem menschlichen Verstand zugeschrieben werden, tatsächlich aus Träumen stammen. Ein berühmtes Beispiel liefert Friedrich August Kekulé, einer der Begründer der organischen Chemie, dem oft Erkenntnisse im Wachtraum kamen: So war er im Winter 1861 vor dem Kamin eingenickt, während er über die Struktur des Benzols nachdachte. Wie zuvor die Funken des Feuers tanzten im Traum Kohlenstoff- und Wasserstoffatome vor seinen Augen, bis sie sich zu einer Schlange formten, die sich selbst in den Schwanz biss – das Symbol des Ouroboros. Sofort begriff Kekulé, der zuvor wie alle Chemiker seiner Zeit in linearen Begriffen gedacht hatte, dass das Benzol einen Ring bildet. Eine bedeutende Entdeckung, welche die Chemie für immer verändern sollte.

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist Dmitri Iwanowitsch Mendelejew, der das Periodensystem der Elemente, das wir alle aus der Schule kennen, ebenfalls aus einem Traum mitgebracht hat. »Ich sah im Traum die Tabelle, in der alle Elemente so verteilt waren, wie es sein musste«, wird er zitiert. »Ich erwachte sofort und schrieb alles auf ein Stück Papier. Nur an einer Stelle erwies sich später eine Korrektur als nötig.«

Auch der Pharmakologe Otto Loewi beteuerte zeitlebens, dass er den entscheidenden Hinweis auf das Experiment, das ihm im Jahr 1936 den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung des ersten Neurotransmitters einbrachte, einem Traum zu verdanken hatte. In jenem Traum hatte er die Versuchsanordnung gesehen, die seine Hypothese der chemischen Übertragung beweisen konnte. Er schrieb den Traum auf, wiederholte den Versuch im Labor an einem Froschherzen und revolutionierte so die Neurobiologie.

Nur zum Schlafen kommen wir,
nur zum Träumen kommen wir,
es ist nicht wahr,
es ist nicht wahr,
dass wir kommen,
um auf der Erde zu bleiben.
Nezahualcóyotl, Nahua-Dichter

Selbst der Vater des modernen Denkens, René Descartes, hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die zentralen Erkenntnisse, die zum cogito ergo sum und zu seiner rationalistischen Philosophie führten, paradoxerweise einer Reihe von Träumen zu verdanken hatte. Es gibt weitere Beispiele, die weniger gut belegt sind; u.a. behaupten manche Autoren, dass auch Albert Einstein die Grundlagen der Relativitätstheorie im Traum erkannte. Manchmal sind die „erträumten« Errungenschaften auch weniger spektakulär wie etwa die der Entwicklung der Nähmaschine, deren Prinzip von ihrem Erfinder Elias Howe nach eigenen Aussagen ebenfalls geträumt wurde.

Kreativität und Traum

Die kreative Kraft der Träume beschränkt sich nicht auf die Wissenschaft: Von Salvador Dalí ist bekannt, dass er Träume direkt in Bilder umsetzte. Faszinierende Werke stammen auch vom schweizer Maler und Grafiker Peter Birkhäuser, der auf Anraten der C.G.-Jung-Schülerin Marie-Louise von Franz begann, seine Träume zu malen und damit das Genre des »Magischen Realismus« schuf. Federico Fellini ging noch einen Schritt weiter und setze seine Träume gleich in Filme um. Andere haben ihre Träume in Literatur verwandelt: So geht Robert Louis Stevensons Bestseller „Dr. Jekyll und Mr. Hyde« ebenso auf einen Traum zurück wie Mary Shelleys »Frankenstein«.

Auch im Bereich der Musik gibt es Beispiele wie Giuseppe »Teufels-triller«-Sonate, die der Komponist nach Aussagen des Astronomen De Lalande geträumt haben soll: In diesem Traum habe der Teufel selbst dem Komponisten auf der Violine vorgespielt. Nach dem Erwachen habe Tartini versucht, die Sonate aufzuschreiben, was ihm nur begrenzt gelungen sei – so teuflisch gut sei das Original-Musikstück und der virtuose Vortrag Luzifers gewesen.

Paul McCartney von den Beatles hat die Melodie von „Yesterday«, einer der erfolgreichsten Songs aller Zeiten, ebenfalls geträumt und dann gleich nach dem Erwachen auf dem Piano eingespielt. „Es kam mir selbstverständlich vor und die Melodie hat mir gleich sehr gut gefallen«, sagt McCartney. »Allerdings wusste ich, dass ich sie nicht selbst geschrieben haben konnte, da ich sie ja geträumt hatte. Das war ein wirklich magischer
Moment!«

Viele unserer geistigen, materiellen und musischen Kulturgüter stammen also von der Nachtseite des Bewusstseins. Kreative Träume inspirieren jedoch nicht nur Ausnahmentalente, sondern uns alle, wie eine Studie von Michael Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Daniel Erlacher von der Universität Heidelberg aus dem Jahr 2008 belegt. Offenbar sind Träume ein Schlüssel zur Kreativität und wirken sich stärker auf unser Wachbewusstsein und unser Leben aus als gedacht. Die Studie zeigt, dass dies umso stärker der Fall war, je besser und häufiger sich die Probanden an ihre Träume erinnern konnten.

Die Welt wird Traum,
der Traum wird Welt,
und was man geglaubt,
es sei geschehen,
kann man von Weitem erst
kommen sehen.
Novalis (Astralis)

Luzides Träumen potenziert diese ursprüngliche kreative Kraft, die in uns allen schlummert, da die Nachtseite des Bewusstseins, d.h. unsere Träume, genauso zu unserer Ganzheit gehört wie das uns vertraute Tagesbewusstsein. Wir haben unsere andere Seite lediglich vergessen, können die Verbindung zu ihr jedoch mit etwas Übung und Geduld wiederherstellen (siehe auch den Kasten mit den Tipps für das luzide Träumen). Was Sie auf der anderen Seite ihrer Selbst erwartet, können nur Sie selbst herausfinden. Tatsächlich sind die Erfahrungen unterschiedlicher Träumer ebenso verschieden wie ihr alltägliches Leben. Das Einzige, was allen gemein zu sein scheint, ist die überwältigende Erfahrung des Erwachens, denn das Erwachen im Traum ist zugleich die Erinnerung des Geträumten an den Träumer, der im Bett liegt und schläft, und die Empfindung, endlich in der Wirklichkeit angelangt zu sein – ein Gefühl der Hyperrealität, wie es manche luzide Träumer nennen. »Ich war nie zuvor wach«, schwärmt z.B. der südafrikanische Mathematiker J. H. Michael Whiteman von seiner ersten Erfahrung mit dem bewussten Träumen.

Traum-Traditionen

Kein Wunder, dass die australischen Aborigines, die die Kunst des luziden Träumens seit über 40.000 Jahren üben, die „Traumzeit« für die eigentliche Wirklichkeit halten und das alltägliche Leben für einen bloßen Schatten der Realität. Das Aborigine-Statement, die »wirklicher als die Wirklichkeit selbst«, kann jeder luzide Träumer leicht nachvollziehen, da die gesamte Wahrnehmung im Traum unmittelbarer, klarer und schärfer ist – nicht nur was die Bilder, sondern auch was alle anderen sinnlichen Eindrücke angeht.

Schwieriger wird es, wenn es darum geht, dass die Träume für die Aborigines nicht nur eine eigene Auffassungsfunktion, sondern auch ein Mittel zur Kommunikation darstellen. Im Film »Die letzte Flut« von Peter Weir antwortet ein Aborigine auf die Frage eines Anwalts »Was ist ein Traum?« mit »Träume sind wie Sehen, Hören, Schmecken«. Und er fügt hinzu: »Wenn mein Bruder Probleme hat, sendet er mir durch einen Traum eine Botschaft«, fasst sich an den Arm und erklärt dem verblüfften Anwalt, dass sein Körper mitschwingt, wenn der Traum durch ihn hindurchgeht. Sicher, der Film ist Fiktion, aber Peter Weirs Recherche zum Spielfilm war gründlich und gibt in seinen Grundzügen das Wesen der Traum-Tradition der Aborigines überaus treffend wieder.

Die australischen Ureinwohner stehen mit ihrer Herangehensweise auch keineswegs allein da – viele andere Natur- und Kulturvölker in Amerika und Asien betrachten Träume ebenfalls als weitaus mehr als eine »nächtliche Fantasie«. Für die kanadischen Naskapi-Indianer entscheiden Träume über den Jagderfolg, während bei den traditionellen Ojibwa-Indianern der Vater schon vor der Zeugung eines Kindes dessen Namen träumen muss. Ähnliche Sitten sind von den Aborigines belegt, wo es sogar spezielle Orte gibt, an denen Kinder geträumt werden. Würden die Kinder nicht vor ihrer Zeugung geträumt, kämen sie nach Auffassung der Aborigines und Ojibwas ohne Seele zur Welt.

In der von Carlos Castaneda beschriebenen toltekischen Tradition Mexikos gilt die Kunst des Träumens sogar als Königsweg zur Bemeisterung des Bewusstseins, während das tibetisch-buddhistische Traum-Yoga das bewusste Träumen als eigenständigen Weg zur Befreiung, d.h. zur Überwindung des Karmas und zur Loslösung von allen Anhaftungen in diesem Leben sieht. Zwar unterscheiden sich Traum-Techniken und Zielsetzungen in den einzelnen Traditionen, doch die überragende Bedeutung des luziden Träumens als transformative Kraft ist ein gemeinsamer Nenner all dieser fortschrittlichen Traum-Kulturen. Ebenso wie die Anerkennung des Träumens als eine den alltäglichen Sinnen gleichwertige, wenn nicht gar überlege Auffassungsfunktion.

Abre los ojos!

Westliche Träumer wie z.B. der Bild der Wissenschaft-Autor Tobias Hürter bemängeln oft die fehlende Intersubjektivität im Traumzustand. „Auch ich fühle mich im Klartraum unglaublich wach, aber auf die Dauer einsam«, schreibt er in einem Artikel von 2011 und ergänzt, dass ihm der Kontakt zu realen Menschen dann doch lieber sei als fiktive Traumgestalten. Dieses Problem kennen die traditionellen Traum-Traditionen nicht, da sie die Interaktion in bewussten Träumen, also ein gemeinsames Träumen praktizieren.

Einige Male habe ich es selbst erlebt, so z.B., als mein Lehrer Jorge Miranda, ein Aymara aus Bolivien, mich wiederholt im »weckte«, d.h. mich im Traum überhaupt erst darauf aufmerksam machte, dass ich träumte. Später, im Wachzustand, konnte ich mich mit ihm ganz normal über die Einzelheiten des Erlebten unterhalten – für ihn war das selbstverständlich. Und genauso selbstverständlich ist es für die Menschen aus den alten Traum-Kulturen, dass man im Träumen nicht nur fiktive Erlebnisse haben kann, sondern mit dem Traumkörper genauso gut reale Sphären besuchen und erkunden kann, ganz gleich ob es sich dabei um unsere Alltagswelt oder andere reale Welten handelt.

Die wissenschaftliche Traumforschung kann das natürlich bislang weder bestätigen noch verneinen und konzentriert sich weiter auf die Vorgänge in unserem Gehirn. Neuesten Ergebnissen zufolge liegt das Besondere am luziden Traum in einer Aktivierung des präfrontalen Cortex, jenem Teil des Gehirns, der für Aufmerksamkeit, Entscheiden, willentliches Handeln sowie für den Realitätssinn verantwortlich ist.

»Sonst sind die Aktivitätsmuster ziemlich die gleichen wie in normalen REM-Träumen«, sagt die Psychologin Ursula Voss von der Universität Frankfurt, der es als Erste gelungen ist, luzide Träumer nicht nur zu verkabeln, sondern deren Hirnaktivitäten in flagranti zu vermessen.

Bemerkenswert daran ist, dass der präfrontale Cortex nicht nur bei normalen Träumen, sondern auch bei zahlreichen Psychosen inaktiv ist, das heißt, dass Geisteskranke eben deshalb nicht zwischen Einbildung und Wirklichkeit unterscheiden können. Beim luziden Träumen ist das genaue Gegenteil der Fall und die Wirklichkeit kann ganz klar erkannt werden. So schrieb schon Pedro Calderón de la Barca, dem das luzide Träumen offenbar vertraut war, in seinem Werk »La vida es sueño«: »Denn im Schlafe wird mir klar, dass mein Wachen Traum nur war. … Denn ein Traum ist alles Sein, und die Träume selbst sind Traum.«

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ISBN: 9783862642656
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ISBN: 9783862642649
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Wissenswertes
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