Nur mit einem Lendentuch bekleidet, die Haare verfilzt, von Kopf bis Fuß mit Asche bedeckt, Girlanden von Jasmin- und Nachtkerzenblüten um den Hals, lauscht im Jahre 1971 ein junger amerikanischer Jude den Sanskritgesängen eines alten Priesters in einem nepalesischen Tempel. Eine wahre Odyssee liegt hinter ihm: Meilen über Meilen, zu Fuß und per Autostopp durch ganz Europa, den Nahen Osten, durch Pakistan und Afghanistan … Berührt von den Gesängen an den Gott, den er immer suchte, stellt sich dem jungen Mann, der später als Radhanath Swami Berühmtheit erlangen sollte, in diesem Moment die Frage: »Wie kam es nur, dass ich ein Leben führte, das sich so sehr von der Kultur meines Herkunftslandes unterschied, aber meiner Seele so vertraut war?«

Der Weg, der zu diesem so ungewöhnlichen Leben führte, ist in der Tat lang. Als Richard Slavin in eine Mittelstandsfamilie geboren, war dem jungen Mann recht früh klar geworden, dass ihn die üblichen Beschäftigungen und Zerstreuungen seiner Altersgenossen nicht zufriedenstellen konnten. Der amerikanische Traum, in den er in diesen Tagen hineingeboren war, erschien ihm trügerisch: »Die Frage nach einem Sinn im Leben jenseits von Reichtum, Ansehen und den Launen der Gesellschaft ließ mich nicht mehr los. Wie konnte ich mich in der idyllischen Umgebung von Highland Parks mit Sport zufriedengeben, wenn ich wusste, dass nur einige Meilen entfernt Afro-Amerikaner wie Sklaven in Ghettos eingesperrt lebten? Wie konnte ich mich über eine Ringkampf-Medaille freuen, wenn meine älteren Freunde gezwungen wurden, in den grausamen Vietnamkrieg zu ziehen? Von solchen Fragen verfolgt, begann ich, das Grundgerüst des Lebens zu hinterfragen.«

Mitgefühl als Weg

Das Leid seiner Mitmenschen und sein daraus erwachsendes Mitgefühl war schon in frühen Jahren Antrieb seines Handelns, so dass er sich bereits als Jugendlicher in der Bürgerrechtsbewegung engagierte. Doch nachdem er auch dort mit Hass und Abneigung auf den vermeintlichen »Gegner« konfrontiert wurde, merkte er schnell, dass dieses Engagement, so gut viele Früchte dieser Arbeit auch waren, nicht seine Fragen an das Leben beantworten konnten: »Mich hatte die Art und Weise erschüttert, mit der so viele Menschen in ihrem Bestreben nach Gleichheit und Gerechtigkeit ihre Aufmerksamkeit immer auf die Unterschiede richteten …«

Richard Slavin wollte das Gemeinsame der Menschen erfahren, den inneren Kern, das göttliche Licht, die Liebe, die uns alle miteinander verbindet – und er wollte verstehen: das Leben, die Rolle des Menschen im Plan Gottes, die Gebete, die er bei seinem Rabbi hörte.

Wie ihm ging es wohl vielen jungen Menschen dieser Zeit. Der Aufbruch der Gegenkultur, durch Folk-Music, Drogen und Happenings, ging wie ein Riss durch die Oberflächlichkeit der Mainstream-Gesellschaft. Die Musik schuf Antworten für Richard, die er sonst nirgends fand. Gerade die Stücke, die von Gott sprachen oder die Liebe zu einem Wesen – größer und mitfühlender als wir – ausdrückten, faszinierten ihn.

Und als Johnny Rivers sang: »Suche in deiner Seele nach Antworten«, gab sich Richard Slavin ganz dieser Suche hin.

Innere und äußere Suche

Dass diese Suche von einer inneren zu einer äußeren Reise wurde, verdankte er einem Freund, der ihn zu einem Trip durch Europa überredete. Dort angekommen, verselbständigte sich die Reise immer mehr, führte Richard zu den wildesten Orten, zu den absonderlichsten (Licht- und Schatten-) Gestalten und quer durch einen Kontinent, dessen Jugend dabei war, aufzuwachen und sich vom engen Korsett des Establishments zu befreien. Dass diese Befreiung dann oft einzig im Drogensumpf versackte, blieb ihm nicht verborgen. In seinem Buch »Journey Home«, in dem er eindrücklich u.a. seine Erlebnisse dieser Zeit schildert, schreibt er an einer Stelle, nachdem er vom Drogentod Jimi Hendrix’ erfahren hatte: »Allmählich setzte bei mir eine Art Ernüchterung ein, wenn ich an die Bewegung dachte, der ich mich angeschlossen hatte und für die ich die Normen der Gesellschaft und meiner Familie zurückgewiesen hatte. Ich hatte einmal den Traum, dass die Gegenkultur eine erleuchtete Welt erschaffen würde, aber jetzt hatte ich den Eindruck, dass die destruktiven Elemente der Bewegung die Oberhand gewonnen hatten, die ‚die Rebellion um der Rebellion willen‘ und ‚die Rebellion um des persönlichen Vergnügens willen‘ proklamierten.«

Wo also war zu finden, wonach er sich sehnte? Wo waren die Antworten auf die wirklich drängenden Fragen?

Nach Hause kommen

Seine Suche führt ihn immer weiter. Auf abenteuerlichsten Wegen gelangt er in den Nahen Osten, nach Afghanistan, nach Pakistan und schließlich nach Indien, – in ein Land, von dem er schon lange geträumt hatte. Langsam beginnen sich hier die Fänge der drängenden Fragen, in denen er sich befindet zu lösen. Die hautnahe Begegnung mit der indischen Spiritualität ist wie ein Nach-Hause-Kommen. Die heiligen Flüsse, die Pilgerorte – alles scheint ihn auf einer inneren Ebene willkommen zu heißen. Er wandert von Guru zu Guru, von Swami zu Swami, bis er schließlich Srila Prabhupada begegnet, der ihn aus einer Zuhörerschaft von 25.000 Menschen auswählt und auf die Bühne holt, und dessen grenzenloses Mitgefühl ihn nachhaltig beeindruckt. Srila Prabhupadas Verhalten – »demütig und duldsam, als ob er überall Gott erblicken würde, wohin er auch schaute« – berührt ihn auf wundersame Weise. Die Hingabe an seine Suche wird zur Hingabe an seinen Guru, an Gott und an seine Mitmenschen, denen er sich wie schon zu Beginn seiner Reise zutiefst verbunden fühlt. Erkenntnis scheint in ihm auf, Ruhe kehrt ein – die drängenden Fragen werden in seinem neuen Leben als Mönch von der tiefen Liebe zum Schöpfer und zu den Mitgeschöpfen geheilt, in deren Dienst er sich nun gänzlich stellt. Er sagt: »Wir sind alle wie Fische, die sich vom Meer des göttlichen Bewusstseins getrennt haben. Wenn wir als Mensch versuchen, ohne unsere natürliche Beziehung zu Gott glücklich zu werden, lässt sich das mit einem Fisch vergleichen, der versucht, das Leben außerhalb des Wassers, auf dem trockenen Sand, zu genießen.«

Radhanath Swami, wie er heute heißt, hat eine lange Reise hinter sich. Eine Reise, die ihn zu der Erkenntnis führte, dass wir durch wirkliche Selbsterkenntnis und der Bereitschaft zu dienen, Mitgefühl kultivieren und zu einem nachhaltigen Wandel in der Welt beitragen können!

Sinn führt zu befreitem Handeln

Ein spirituelles Leben schenkt uns den Sinn, den wir suchen und gibt uns die Kraft, diesen Sinn jeden Tag mit unserem Handeln zu manifestieren. Kaum jemand zeigt diese innere Kraft auf so beeindruckende Weise wie Radhanath Swami: Neben seinen spirituellen Pflichten als Mönch in der Vaishnava-Tradition des Bhakti-Yoga baute er in den letzten 25 Jahren in Mumbai, Indien, eine beispiellose Gemeinschaft auf, die Schulen, Waisenhäuser, ökologisch arbeitende Landwirtschaftsbetriebe und Krankenhäuser errichtete und unterhält. Zugleich tragen Radhanath Swami und seine Gemeinschaft dafür Sorge, dass 250.000 Kinder der ärmsten Bevölkerungsschichten jeden Tag ein Mittagessen bekommen. Ärztliche Notversorgungseinrichtungen wurden in vielen indischen Städten initiiert und auch mobile Versorgungsstationen in unterprivilegierten Gegenden gehören zu den Aufgaben dieser Gemeinschaft.

Hingabe und Kraft

Um zum Anfang zurückzukehren: Was macht also ein amerikanischer Jude in Indien? Und was können wir von solch einem Leben lernen, das sich so sehr von der Kultur unserer Heimat unterscheidet?

Richard Slavin hat hier nach einer wahren Odyssee durch die Gegenkultur der 1960er und 1970er Jahre sein wahres Zuhause gefunden und einen Sinn in seinem Leben entdeckt, der ihm vorher nicht zugänglich wurde. Aus diesem Sinn schöpft er eine nahezu unmenschliche Kraft, die allen Menschen in seiner Umgebung zugutekommt. Aus einem verwirrten Jugendlichen ist ein Mönch geworden, der anderen mit seinem Beispiel vorangeht und dessen positive Energie bei sechsstündigen Kirtans genauso beeindruckt wie bei seiner weltweiten Vortragstätigkeit. Täglich demonstriert er, dass grenzenloses Mitgefühl möglich ist und verbreitet seine Botschaft als gefragter Redner an Universitäten, auf Kongressen und in höchsten politischen Kreisen. Seine Deutung der spirituellen Erkenntnis ist universell, seine Konzentration auf das Verbindende zwischen den Menschen und sein Wille, Sektierertum zu überwinden, so dass wir nicht immer wieder dieselben Fehler machen, findet immer mehr Gehör und macht auch vor Missständen wie dem pervertierten Kastensystem seiner Wahlheimat nicht Halt: »Ich dachte betrübt darüber nach, wie die Tendenz, sich anderen überlegen zu fühlen und sie auszubeuten, so vielerlei Gestalt annehmen konnte und in Gesellschaft, Politik, Philosophie und sogar in der Religion ihren Niederschlag fand.«

Für Radhanath Swami gibt es weiterhin viel zu tun – und vielleicht können uns seine Suche und sein Finden inspirieren, uns selbst auf ein spirituelleres Leben zu besinnen und aus der daraus erwachsenden Kraft nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere zu schöpfen. Vielleicht ist in uns auch mehr Kraft der Hingabe vorhanden, als wir denken. Hingabe an eine Suche, die uns abseits der ausgetretenen Pfade zu echtem Erkennen führt; Hingabe an ein größeres Ganzes, das unsere egoistischen Tendenzen relativiert oder im Zaum hält; Hingabe an ein WIR, das wir gerade erst entdecken und das von uns und unserem Engagement abhängt.

Einfach anfangen

Ziemlich radikal sagt Radhanath Swami: »Wenn ein Mensch kein Ideal hat, für das er bereit ist zu sterben, dann hat er nichts von Bedeutung, wofür es sich lohnt zu leben.«

Menschen wie Radhanath Swami stellen unsere Art zu leben mit ihrem gesamten Sein und Tun infrage. Was ist unser Ideal? Wofür sind wir bereit, uns einzusetzen? Wie wollen wir unsere Gesellschaft gestalten und wie viel Verantwortung möchten wir übernehmen?

Sicherlich kann nicht jeder von uns Mönch werden und täglich 250.000 Kinder versorgen … Aber der erste Schritt, den jeder von uns machen kann, wird im Spiegel des Lebens von Menschen wie Radhanath Swami deutlich: Einfach losgehen und anfangen. Veränderung geschieht nicht einfach von selbst, sondern benötigt unsere guten Gedanken, unsere Worte, unsere Taten.

Radhanath Swami
lebt heute ein aktives Leben der Hingabe an Gott. Nachdem er A .C. Bhakivedanta Swami (1896–1977) zu seinem Guru erwählt hatte, gab er das Leben als Wandermönch auf und kehrte in die Gesellschaft zurück. Obwohl er in den ganzen Welt unterwegs ist, un- terhält er in der Nähe von Mumbhai ein spirituelles Zentrum, das sich bereits seit zwanzig Jahren vielen sozialen Projekten widmet.

Buch-TIPP
Radhanath Swami
Journey Home Autobiografie eines amerikanischen Yogi
360 Seiten, € 19,95
ISBN 978-3-86264-232-8
Hans Nietsch Verlag
Kategorie: Lifestyle / Spiritualität | Keine Kommentare
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