Alberto Villoldo, Amerikaner kubanischer Abstammung, hat zweieinhalb Jahrzehnte lang von Nachfahren der Inkas schamanisches Wissen erworben. Der einst klassische Mediziner heilt heute auf einer ganz anderen Ebene und gibt das traditionelle Wissen der Schamanen um Traum, Heilung, Leben und Tod an Menschen des westlichen Kulturkreises weiter.

newsage: Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang und Ihre Arbeit.
Alberto: Ich bin eigentlich medizinischer Anthropologe. An der San Francisco State University führte ich ein Labor und untersuchte das menschliche Gehirn. Wir beschäftigten uns mit Psychosomatik und ganzheitlicher Gesundheit. Wir untersuchten das Gehirn, Scheibchen für Scheibchen, schauten uns Neuronen und Nerven an. Doch ich hatte irgendwann das Gefühl, am falschen Ende des Mikros-kops zu sein. Anstatt meine Sicht immer kleiner und kleiner einzustellen, wollte ich die größeren Zusammenhänge begreifen. So ließ ich das Labor und meine Karriere als Professor hinter mir. Ich wollte mit Menschen arbeiten, die ganzheitlich heilen, ohne Technik und Chemie. Nach einigen Umwegen fand ich im Amazonasgebiet, was ich gesucht hatte. Ich lebte dort – mit regelmäßigen Unterbrechungen – über 25 Jahre hinweg bei einigen sehr weisen Schamanen und lernte, wie man auf energetischer Basis heilt.

newsage: Wie sieht dieses energetische Heilen bei Ihnen aus?
Alberto: Die Schamanen, von denen ich lernte, arbeiteten nicht direkt am physichen Körper, sondern am energetischen Feld, das den Menschen umgibt und den Körper organisiert – so wie ein Magnet Eisenpartikel auf einer Glasscheibe ausrichtet. Diese Energiefelder enthalten Informationen: Signaturen, die unsere Prädispositionen für Krankheit und Spuren früherer Erfahrungen kennzeichnen. Im Westen konzentrieren wir uns vermehrt auf die DNA. Doch eigentlich ist die DNA nur die Hardware unseres Systems. Das leuchtende Energiefeld des Menschen hingegen ist die Software, welche die Hardware steuert. Es ist möglich, genetische Information zu verändern, sodass unser Körper anders altert und anders stirbt.

newsage: Wie sehen Sie das Energiefeld des Menschen?
Alberto: Bei der schamanischen Ausbildung, die ich Menschen des westlichen Kulturkreises biete, geht es besonders um eine andere Art der Wahrnehmung. Es geht nicht so sehr darum, Farben oder ähnliches zu sehen. Jeder „sieht“ ein wenig anders. Uns geht es viel mehr um die Qualität des „Sehens“. Dazu wollen wir wissen: Was ist die Geschichte hinter der Person? Was sind die genetischen Prädispositionen? Wie wird jemand sterben? Wie wird er oder sie genesen? All das ist in Ihrem Energiekörper aufgezeichnet.

newsage: Und wie genau funktioniert das Wahrnehmen dieser Energien?
Alberto: Wir vereinigen dafür all unsere Sinne: Hören, Sehen, Fühlen mit den Händen usw. Man setzt diese Sinne ein und übersetzt dann das Erfahrene in eine Sprache, die jeder versteht. Es ist tatsächlich so, dass die Energien von jedem wahrgenommen werden können, sodass eine Übereinkunft möglich ist. Meine Schüler lernen so deutlich zu „sehen“, dass sie ein Trauma aus frühster Kindheit sofort erkennen können. Wir konzentrieren uns bei einer Behandlung weniger auf ein aktuelles Problem wie: „Ich bin unglücklich, weil mein Partner mich verlassen hat“, sondern auf die darunter liegende Problematik, das Trauma, das die Person immer wieder an eine bestimmte Art von Partner geraten lässt. Pränatale Erfahrungen prägen uns ebenfalls. Das ungeborene Kind bekommt alles mit, jeden Streit der Eltern. Und auch Dinge, die unserer Urgroßmutter passiert sind, können noch auf uns wirken. Es entsteht eine Art Fluch, der auf den folgenden Generationen lasten kann. In der Psychologie kennt man das gleiche Phänomen: Bestimmte Themen tauchen immer wieder in einer Familie auf. Die Nachkriegsgeneration zum Beispiel ist besonders vom Thema Knappheit und Mangel betroffen, das sie von ihren Vorfahren, die im Krieg Hunger leiden mussten, geerbt hat. Mit schamanischen Techniken lassen sich diese Themen im Energiefeld ändern oder entfernen. Wir gehen nicht psychologisch vor. Wir gehen den direkteren Weg.

newsage: Kann jeder geheilt werden?
Alberto: Jeder kann geheilt werden. Aber nicht jeder erfährt Genesung von seiner Krankheit.

newsage: Wie das?
Alberto: Genesung heißt, dass die Symptome wegfallen. Heilung hat mit der Erfahrung der Unendlichkeit zu tun. Da geht es um die Seele. Oftmals genesen Menschen, erfahren aber keine wirkliche Heilung. Einige meiner Patienten wiederum, die ich geheilt habe, sind dennoch gestorben. Sie starben jedoch nicht in Schmerzen, sondern oft sogar glückselig. Der physische Körper ist manchmal schon zu sehr oder zu lange erkrankt. Ich habe auch schon Wunder erlebt. Die Heilung der Seele ist das Wichtigste. Der Körper folgt in den meisten Fällen. Beim schamanischen Heilen repariert man nicht etwas, das kaputt gegangen ist. Man setzt blockierte Energien frei, sodass das Immunsystem des Körpers wieder genügend Kraft hat, um seine Arbeit zu tun. Es ist die Erfahrung der Unendlichkeit, raum- und zeitlos, die heilt.

newsage: Worum geht es in Ihrem neuesten Buch „Courageous Dreaming“*?
Alberto: Schamanen kommen aus einer Tradition der Wahrnehmung, während unsere Kultur eine Kultur der Regeln und Konzepte ist. Regeln und Konzepte setzen Grenzen. Reine Wahrnehmung hingegen, wie sie die Schamanen praktizieren, ist ohne Worte oder vorgefasste Ideen und unabhängig von Objekten. Sie steht vor der Interpretation. Wenn Schamanen die Welt verändern wollen, verändern sie die Art, wie sie die Welt wahrnehmen. In unserer schamanischen Ausbildung versuchen wir, antrainiertes konzeptbedingtes Wahrnehmen wieder zu verlernen. Irgendwann begreift man dabei, dass jeder Glaubenssatz, den wir über die Natur der Realität haben, uns vom Universum bestätigt wird. Ich habe ein Buch zu dem Thema geschrieben, weil ich glaube, die meisten Selbsthilfe-Bücher schaden uns mehr als dass sie uns helfen. Sie bestärken uns in der Opferhaltung. Wir beschäftigen uns immer wieder mit unseren alten Leidensgeschichten. Aber die Beschäftigung damit gibt den alten Geschichten stetig neue Kraft. Mut, „Courage“, kommt aus dem Lateinischen und trägt das Wort „Herz“ in sich. Wir brauchen Mut heutzutage, Mut der aus dem Herzen kommt. Weniger Denken und Polarisieren. Wenn wir in einem Zustand innerer Liebe sind und Ja zum Leben sagen, dann träumen wir einen neuen Traum und können den alten loslassen.

newsage: Ist es das, was Sie auch mit „bewusstem Träumen“ meinen?
Alberto: Ja. Träumen mit offenen Augen …

newsage: Es gibt ja auch das luzide Träumen, das Erwachen im Traum während man noch schläft. Ist da eine Parallele?
Alberto: Das ist beides dasselbe. Man kann lernen, im Wachbewusstsein zu erwachen und man kann lernen, im Traum zu erwachen. Viele Leute sind schon im Wachzustand eher unbewusst. Aber wir können immer erkennen: Wir sind nur Teile eines Traumes.

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*deutscher Titel: ‚ Mutiges Träumen – Wie Schamanen Realitäten erträumen‘

BUCH-TIPP
Alberto Villoldo
Das geheime Wissen der Schamanen
313 Seiten, € 9,00
ISBN: 978-34421-4216-3
Goldmann Verlag

Kategorie: Spiritualität | Keine Kommentare
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