Seit zwanzig Jahren ist Peter Graef als Musiker und Percussionist im In- und Ausland auf der Bühne aktiv und arbeitet nebenbei als Dozent für Stimme, Rhythmus und Bewegung. Außerdem befasst er sich mit der Erforschung schamanischer Traditionen und der Heilarbeit mit Stimme, Rhythmus und Klang. Nun sind gleich zwei CDs von ihm erschienen, die Peter Graefs Musik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Vor einem halben Jahr begegnete ich Peter Graef zum ersten Mal in seinem Klangatelier in Heitersheim und war sofort von ihm und seiner Musik angetan. Peter ist kein Mann der großen Worte, aber ein Meister der Klänge, Töne und Geräusche – und ein Mann mit einer kraftvollen, heilkräftigen Stimme, die er wie seine Instrumente virtuos beherrscht.

Bevor ich mich versehen hatte, lag ich in der Mitte seines Klangateliers auf dem Boden, umkreist von Peter, der mich mit einer Vielzahl exotischer Instrumente beschallte und mich in den Genuss seines berühmten Klangbades kommen ließ, das er einmal im Monat für einen kleinen Kreis von Zuhörern veranstaltet. Was ich erlebte, war mehr als ein Konzert – es war ein überaus kraftvolles Ereignis, eine Begegnung mit den Urgewalten von Stimme, Rhythmus und Klang. Schon bald trieb ich dahin auf den Wogen der Klänge, getrieben von Trommeln, getragen von Obertönen und bewegt von Rhythmen, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Als ich nach einer endlos scheinenden Stunde wieder in die Alltagswelt zurückkehrte, fühlte ich mich tatsächlich irgendwie gereinigt und von Kraft erfüllt.

„In allen Kulturen gibt es die Tradition, mit Klängen zu heilen“, erklärt mir Peter später. „Die Schöpfung selbst manifestiert sich im Klang. Der ‚Urknall‘ ist die wissenschaftlich-klangliche Beschreibung des ursprünglichen Schöpfungsaktes.“ Etwas, das ich nach dem Genuss des Klangbades auf körperlicher und seelischer Ebene sehr gut nachvollziehen konnte.

„Seitdem ich mich erinnern kann, sind Klänge im weitesten Sinne Ereignisse, die mich verwundern und aufhorchen lassen“, ergänzt Peter. Es ist das „Erstaunt-Sein“, eine Mischung aus Furcht und Ehrfurcht, die auch die gängige Defi nition des Heiligen ist. Davon abgesehen interessiert mich, wie Peter zum Trommeln gekommen ist. Er erklärt, dass er sich seit frühester Jugend mit Trommeln und Schlagzeug beschäftigt hat. Neben der afrikanischen und brasilianischen Musik hat ihn besonders die kubanische Musik fasziniert. Ich frage ihn nach seiner Zeit auf Kuba, da ich weiß, dass er dort in den Jahren 1986 und 1987 gewesen ist. „Eigentlich war ich für einen Kurs der ‚Conjunto Folclorico National de Cuba‘ angemeldet, aber der fand nicht statt“, erzählt Peter. „Aber die Leute von der ‚Conjunto‘ haben mir dann drei Privatlehrer vermittelt. In Havanna wurde ich offi ziell als Ostdeutscher deklariert, damit ich mich frei bewegen konnte“, ergänzt er schmunzelnd und erzählt von seinem Trommelunterricht und wie er darüber Zugang zur Santeria, der kubanischen Variante des afrikanischen Voodoo bekam.

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Die Abbildung zeigt die Zuordnung bestimmter Vokale zu den einzelnen Chakren im menschlichen Körper. Mit Hilfe der „Vocalance“, der Vokalspirale, ist es möglich, die Chakren zu balancieren und stagnierende Energien duch den entsprechenden Ton wieder in Fluss zu bringen.

„Was mir die Götter der Santeria sympathisch macht, ist, dass sie sehr menschliche Züge haben. Die sind auch schon mal beleidigt, wenn man sie nicht respektiert, und dann zeigen sie manchmal ihre ‚unerleuchtete Seite‘“, erklärt Peter und berichtet mir von seiner Vorliebe für den Gott oder Gottesaspekt „Elegua“, der immer der erste ist, der bei Santeria-Zeremonien angerufen wird. Auf seiner CD „Shamantra“ hat er den Dreiteiler „Elegua’s Way“ dem hermetischen Gott der Santeria gewidmet – ein beeindruckendes Stück, kraftvoll, trommelstark und voller Respekt für „Elegua“, den Gott der Kreuzungen und Übergänge. Ich will natürlich wissen, wie es ist, bei so einer Santeria- Zeremonie dabei zu sein, und Peter erzählt von den hypnotischen Trommelrhythmen, Tänzen und Gesängen. „Dann passiert es auch, dass ein Tänzer in Trance fällt und sich die Gottheit durch ihn offenbart“, sagt Peter und weckt meine Neugier.

„Um richtig reinzukommen, hätte ich allerdings mindestens sechs Monate dort bleiben und lernen müssen“, beruhigt er mich und erzählt, dass er allerdings später mit einem Kollegen in Heidelberg einige Santeria-Rhythmen ausprobiert und praktiziert hat. „Wir haben aber keine Rituale veranstaltet, wir haben uns auf die Rhythmen konzentriert. Was für mich neben dem Trommeln am eindrucksvollsten in Kuba war“, resümiert er, „ist die Erkenntnis der Möglichkeit, über Musik und Gesänge die Gegenwart von Gottesaspekten spürbar zu machen.“ Ich frage ihn, welche anderen Kulturen seine Musik geprägt haben, und er erzählt mir von seiner Zeit in Marokko. „Was mich da sehr berührt hat, waren die Gesänge der Muezzins, die diese Frequenz haben, die einen in Innersten berührt“, sagt Peter und imitiert gekonnt den „schrägen“ Gesang eines islamischen Vorbeters. „Die Intensität in der Stimme wird oft nicht durch den reinen Klang erzielt, sondern durch eine gewisse Reibung und Kompression. Die Muezzins singen mit viel Druck, aber unverkrampft. Dabei erzeugen sie ein ‚Timbre‘, das auch in den schamanischen Traditionen den Gesang prägt und unser innerstes Wesen berührt und aufrüttelt.“ Auch der Begriff „Perkussion“, erklärt mir Peter, leitet sich von „Erschütterung“ ab. „Rhythmus und Schwingung holen einen aus dem gewohnten Trott heraus und führen uns in einen anderen Seinszustand“, sagt er bestimmt und spricht wieder vom schamanischen Aspekt seiner Arbeit. „So unterschiedlich schamanische Traditionen auch sein mögen, es gibt immer eine Dreiteilung: die Unterwelt, die unserem Unterbewussten entspricht, die Oberwelt, die unserer Seele oder Göttlichkeit entspricht, sowie die Mittelwelt – unsere materielle Welt der Manifestation.“

Peter erklärt, dass vieles in die untere Welt „absinkt“, in unser Unterbewusstsein – und das wehrt sich gegen Veränderungen, es will den Status quo erhalten. „Begrenzende Gewohnheiten nisten sich in unserem Unterbewussten ein“, betont er und erklärt, dass man diese Routinen mit Hilfe von „schrägen“, ungewohnten Tönen aufl ösen oder aussöhnen könne.

„Gleichzeitig liegen bestimmte Register brach“, ergänzt er und spielt damit auf die obere Welt, aber auch auf Ober- und Untertöne an. „Ober- und Untertöne bringen uns ganz in die Gegenwart. Vor allem die Obertöne sind Klangelemente, die isoliert wahrgenommen werden, aber eigentlich immer vorhanden sind.“ Ungewohnte Musik hilft uns also, unsere Wahrnehmungsgewohnheiten zu brechen und die Grenzen zu neuen Welten zu überschreiten, die schon immer vor unserer Nase lagen. Ich erzähle Peter, dass ich mich auch von Zeit zu Zeit im Obertonsingen übe, aber meist nur unter der Dusche oder beim Autofahren – und fühle mich bereits ertappt, während ich es ausspreche. „Das Tönen sollte wieder alltäglich werden“, sagt Peter lachend. „Es ist schade, dass sich das Tönen aus dem Selbstverständlichen entfernt hat. Kindern wird es begrenzt zugestanden, aber uns Erwachsenen …“ Und er erzählt von seiner Vision, in der jeder seine Melodie fi ndet und nach außen trägt bzw. nach außen „tönt“. „Die Stimme ist mein Hauptinstrument“, sagt Peter versonnen, aber auch er habe als Kind erfahren müssen, dass man, wenn man nicht jeden Ton auf Anhieb trifft, gemaßregelt wird. „So hat sich viel Unsicherheit breitgemacht. Auch ich musste als Kind vier Jahre lang Klavier spielen. Was für mich zunächst eine Erfahrung mit der Improvisation war, wurde mir dann schnell wieder von meiner Klavierlehrerin ausgetrieben. Als Reaktion darauf habe ich dann mit dem Schlagzeug angefangen“, sagt er lachend.

Heute sieht Peter seine Beschäftigung mit Trommeln und Rhythmen vor allem als eine Vorbereitung auf seine Arbeit auf einer feineren Schwingungsebene. „Mit Klängen und Tönen können wir stagnierende Bewegungen wieder in Fluss bringen oder verstärken“, sagt er und spielt auf seine Heilarbeit mit Stimme und Klang an. „Die Seele ist nie krank“, ergänzt er und fügt hinzu: „Heilung ist immer auch ein Anerkennen von Schattenseiten.“

Damit hat er mein Interesse geweckt und ich will genauer wissen, wie so eine Behandlung abläuft. Peter erklärt mir, dass er erst einmal mit den Leuten spricht, um herauszufi nden, wo der Schuh drückt. Dann stellt er seine Klienten auf ein Trampolin oder Wackelbrett, auf dem sie mit einem ungewohnten Standpunkt konfrontiert werden. „Jeder steht auf seine Weise“, sagt Peter. „Auf dem Trampolin werden andere Körperregionen aktiv und vieles offenbar.“ Noch auf dem Trampolin stehend wird der Klient dann „betönt“ oder mit Händen und Rasseln beklopft. So fi ndet Peter heraus, wo Disharmonien lokalisiert sind, so ähnlich wie ein Arzt, der mit Hilfe von Ultraschall eine Diagnose erstellt, oder ein Delfi n, der durch sein Sonar die Umgebung erkundet. Die darauf folgende Behandlung sieht je nach Fall ganz unterschiedlich aus, doch oft bedient sich Peter der „Vocalance“, einer Vokalspirale, die in der Abbildung auf der linken Seite grafi sch dargestellt ist. Bei der „Vocalance“ geht es darum, die Chakren mit Hilfe von Tönen zu aktivieren und zu balancieren – etwas, das im Herzen mit dem Ton „A“ beginnt, dann mit dem Ton „O“ zum Sakral-Chakra weiter wandert, mit dem Ton „E“ hinauf zum Kehlkopf-Chakra, mit dem „U“ hinab zum Wurzel-Chakra und mit dem „I“ wieder hinauf zum Dritten Auge. Dort kehrt sich die Bewegung um und endet in einer spiralförmigen Bewegung wieder im Herzen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Stück „Vocalance“ auf Peters CD „Sounds like Meditation“.

Peter betont immer wieder die Bedeutung der Vokale: „In der Arbeit geht es darum, die Qualitäten der Vokale zu erspüren. Wo sind die Resonanzen stumpf oder matt, lebendig oder träge?“ Vokale sind in Peters Verständnis nicht nur Diagnose- oder Behandlungsmittel, sie sind „Urbewegungen“ oder „Archetypen“. „Jeder von uns hat seine Aufgabe oder Bestimmung“, meint Peter, „seine eigene Lebensmelodie. Je bewusster wir uns dieser Bestimmung werden, um so heiler werden wir sein.“

Dabei sieht Peter sich selbst vor allem als Vermittler oder „Verstärker“, als jemand, der eine Gabe hat, für die er dankbar ist. Seine Musik versteht er als eine Art Gebet, das heilen und versöhnen kann – etwas, von dem sich jeder Hörer von Peters wunder- und kraftvollen CDs selbst leicht überzeugen kann.

Weitere Informationen unter:
www.petergraef.com

CD-TIPP
Shamantra
70 Min., € 19,50
CD-TIPP
Sounds like Meditation
70 Min., € 19,50
Kategorie: Film, Musik & Festivals | Keine Kommentare
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