Schon seit Jahrzehnten wird der Schamanismus von einer ganzen Reihe von Forschern als eine Art »Ur-Religion« oder »Ur-Kult« betrachtet – eine Einschätzung, die gemeinhin weniger auf archäologischen Belegen als auf der Tatsache beruht, dass die meisten ursprünglichen Kultur- und Naturvölker eine schamanistische Tradition besitzen. Doch gibt es auch greifbare Belege aus der Steinzeit, die diese Annahme rechtfertigen? Fast 40.000 Jahre alte Höhlenmalereien und neuere Funde aus der Steinzeit scheinen dies nun zu belegen.

© Thomas T., Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 2.0 Pferde, Auerochsen und Nashörner, Höhle Chauvet (Frankreich)

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Pferde, Auerochsen und Nashörner, Höhle Chauvet (Frankreich)

Wir müssen nicht weit reisen, um uns dem Ursprung menschlicher Kultur zu nähern: Auf der Schwäbischen Alb hat man in den vergangenen Jahrzehnten sensationelle Funde gemacht, die weit älter sind als die meisten prähistorischen Zeugnisse menschlicher Kunst in anderen Teilen der Welt. In der Umgebung von Ulm liegen das Lone- und das Achtal, durch die sich während der letzten Eiszeit die Urdonau ihren Weg bahnte und an deren Ufern bereits vor etwa 40.000 Jahren die ersten modernen Menschen in Europa lebten. In den angrenzenden Höhlen haben diese ersten Siedler großartige Artefakte hinterlassen, die teilweise erst in den letzten 10 Jahren entdeckt wurden.

So fand ein Team von Archäologen der Universität Tübingen im Jahr 2008 in der Karsthöhle »Hohle Fels« bei Schelklingen eine aus Mammutelfenbein geschnitzte Frauenstatuette, die sogenannte »Venus vom Hohle Fels«. Ihr Alter wird auf 35.000 bis 40.000 Jahre geschätzt und sie ist damit die älteste bekannte Darstellung des menschlichen Körpers. Statt eines Kopfes findet man auf ihren Schultern lediglich eine kleine Öse, die darauf schließen lässt, dass die Figur als Anhänger gedacht war. Offenbar wurde sie auch lange Zeit als solcher getragen: Abriebspuren an den Seiten lassen die Forscher vermuten, dass die Venus vom Hohle Fels zwischen den Brüsten einer Frau getragen wurde, vermutlich an einem Lederband, welches die Trägerin um den Hals trug.

Der Fund an sich war schon sensationell genug, wurde aber durch weitere Entdeckungen im näheren Umkreis noch einmal in ein besonderes Licht gerückt. Gerade mal in einer Entfernung von 70 Zentimetern vom Fundort der Venus wurden Fragmente einer Knochenflöte gefunden – eines der ältesten bekannten Musikinstrumente. Die pentatonisch gestimmte Flöte wurde aus der Speiche eines Gänsegeiers gefertigt und ähnelt anderen Flöten aus der näheren Umgebung wie zum Beispiel den Mammutelfenbeinflöten aus dem nahegelegen Geißenklösterle, einer anderen steinzeitlichen Höhle in der Nähe von Blaubeuren.

Bereits im Jahr 2002 wurde bei einer früheren Grabung im Hohle Fels eine ca. 2,5 Zentimeter große anthropomorphe Figur aus Mammutelfenbein gefunden, das sogenannte »Löwenmenschle«, eine kleine menschliche Gestalt mit Löwenkopf. Diese erinnert an einen älteren, berühmten Fund aus dem Lonetal: Hier wurden im Hohlenstein-Stadel ab 1939 Fragmente einer 31 Zentimeter großen Skulptur entdeckt, die einen Menschen mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen zeigt. Die Figur wurde mehrfach restauriert und um neue Bruchstücke ergänzt und ist heute in ihrer ganzen Pracht im Ulmer Museum zu bewundern. Der Löwenmensch liefert als »Mischwesen« einen starken Hinweis auf eine schamanistische Tradition jener frühen Menschen.

Venus von Willendorf
© Don Hitchcock, Wikipedia Lizenz: CC BY-SA 3.0
Die berühmte Venus von Willendorf, Wachau, Österreich (Material: Kalkstein, gefärbt mit Rötel, Gravettien, Alter ca. 29.000 Jahre)

Die Verwandlung eines Menschen in ein Tier ist ein typisches schamanistisches Motiv: Der in Trance befindliche Schamane verwandelt sich in ein anderes Wesen und nimmt dessen Kräfte an. Oft kommen dabei auch echte Tierfelle und Schädel rituell zum Einsatz, mit denen sich der Schamane verkleidet. Es ist natürlich schwer zu sagen, was der Löwenmensch aus dem Lonetal tatsächlich für die Menschen jener Zeit symbolisierte. Allenfalls lässt der Kontext mit vielen anderen Funden von Tierfiguren aus dieser und anderer Höhlen im Umkreis auf eine animistische Weltsicht schließen, in der alles belebt und beseelt ist. Ein weiterer Hinweis auf eine schamanistisch geprägte Kultur.

Ebenfalls aus derselben Zeit stammen aus dem Hohle Fels ein aus Mammutelfenbein geschnitzter, etwa 3,6 Zentimeter großer Pferdekopf und ein etwa 4,7 Zentimeter großer Wasservogel, den eine bekannte Archäologin liebevoll als »Seelenvogel« tituliert. Tatsächlich machen die Figuren aus dem Hohle Fels genau wie die berühmten Funde aus der Vogelherdhöhle im Lonetal alle den Eindruck einer animistischen Weltsicht, in der diesen Objekten eine ganz besondere Bedeutung verliehen wurde – ob als Jagdzauber, als totemistische Amulette oder als beseelter Schmuck, schon in der damaligen Zeit müssen jene Figuren eine wichtige Funktion erfüllt haben, die mit dem Leben jener frühen Menschen in engstem Zusammenhang stand.

Ein besonderer Aspekt ist die Fruchtbarkeit, die ja schon bei der eingangs erwähnten Venus vom Hohle Fels offen zutage tritt: Gewaltige, vorstehende Brüste sind ein wesentliches Merkmal der Figur, genauso wie ein prominentes Schamdreieck mit einer deutlich eingekerbten Vulva. Die weiblichen Geschlechtsmerkmale stehen im Vordergrund, während Kopf, Füße oder Hände ganz fehlen oder nur angedeutet sind. Die archäologischen Hinweise darauf, dass der Träger offenbar eine Frau war, macht es unwahrscheinlich, dass es sich bei der Venus vom Hohle Fels um ein »vorzeitliches Pinup« gehandelt hat – man kann davon ausgehen, dass es sich um eine Art Talisman für die Trägerin handelte, der im Sinne eines Analogiezaubers Fruchtbarkeit und weibliche Kraft verleihen sollte.

Fruchtbarkeit im übertragenen Sinne finden wir auch in anderen Abbildungen aus jener Zeit symbolisiert: In der erst 1994 entdeckten Bilderhöhle von Chauvet in Frankreich gibt es nicht nur eine »Venusdarstellung« auf einem zapfenförmigen Überhang, die eine Mischgestalt aus Frau und Bison zeigt, sondern auch gewaltige Wandgemälde mit Tieren, die an einer Stelle alle aus einem vaginaförmigen Spalt in der Höhlenwand zu kommen scheinen. In diesem Spalt gibt es ein natürliches Vorkommen von Eisenoxid, dass in der damaligen Zeit durch eine unterirdische Wasserader aus der Höhlenwand gelöst wurde und einen blutroten Fluss aus der »Vagina« zu verströmen scheint, was den Geburtsaspekt der ganzen Szene noch verstärkt.

Offenbar wurde hier ein Schöpfungsmythos dargestellt, der ähnlich wie in indianischen Mythen die Tiere als Kinder der Erde darstellt, die aus Höhlen heraus von »Mutter Erde« geboren werden. Eine eindrucksvolle und künstlerisch anmutige Präsentation, die heute noch einen genauso starken Eindruck auf den Betrachter macht, wie dies wohl vor über 30.000 Jahren der Fall gewesen sein muss. Die Darstellung ist aber wohl zugleich ein Analogiezauber, wie er aus allen schamanistischen Traditionen bekannt ist: Sie sollte dafür sorgen, dass der Nachschub an Beute nicht versiegte – etwas, das wir auch aus Höhlenmalereien späterer Epochen bis hinein in die Neuzeit der australischen Aborigines kennen, die auch heute noch ihre uralten, animistisch-schamanistischen Traditionen pflegen.

Für die australischen Aborigines sind solche Felsbilder und Höhlenmalereien Abbildungen aus der mythischen und zugleich präsenten »Traumzeit«, einer parallelen und übermächtigen Wirklichkeit, die unserer gewöhnlichen Realität vorausgeht. Erst wenn etwas in der Traumzeit geschieht, kann es auch in unserer Welt Gestalt annehmen.

Ein klassisches schamanistisches Konzept, dass offenbar bereits vor 40.000 Jahren in den Köpfen unserer Vorfahren existierte und erklärt, warum gerade in Höhlen häufig solche Abbildungen oder entsprechende Figuren gefunden wurden. Höhlen waren offenbar vielseitig genutzte Heiligtümer oder Kultstätten, bedingt vergleichbar mit heutigen Kathedralen und Kirchen. Der dort praktizierte Kult beschränkte sich nicht nur auf das Bemalen der Wände, sondern war offenbar wie im Hohle Fels auch musikalisch untermalt, was der Fund der Knochenflöten nahelegt.

Venus und Löwenmenschen
© Dagmar Hollmann / Wikimedia Commons, © Thilo Parg / Wikimedia Commons Lizenz: CC BY-SA 3.0Lizenz: CC BY-SA 3.0
Oben Mitte: Zwei Ansichten des Löwenmenschen aus den Hohlenstein-Stadel im Lonetal (Mammutelfenbein, Aurignacien, Alter ca. 35.000 Jahre)
Oben links: Die Venus von Dolní Vestonice, Tschechien (gebrannter Ton, Gravettien, Alter ca. 29.000 Jahre)
Oben rechts: Die Venus vom Hohle Fels im Achtal bei Schelklingen/Blaubeuren (Mammutelfenbein, Aurignacien, Alter ca. 35.000 Jahre)

In manchen steinzeitlichen Bilderhöhlen wurden an ganz bestimmten Tropfsteinen Schlagspuren gefunden, die man zunächst nicht deuten konnte. Spätere Untersuchungen von experimentellen Archäologen zeigten, dass die Tropfsteine einen glockenartigen Klang erzeugten, wenn sie an den betreffenden Stellen angeschlagen wurden. Offenbar wurden sie ebenfalls als Instrumente benutzt, die den Kult in der jeweiligen Höhle begleiteten. Flöten, Trommeln und andere Musikinstrumente sind bis heute wichtige Bestandteile schamanistischer Rituale, weil ihre Klänge direkt auf unser Gehirn wirken, Endorphine und andere chemische Botenstoffe freisetzen und so die Entstehung einer ekstatischen Trance begünstigen – die Voraussetzung für jede Reise in die Anderswelt oder Traumzeit.

Offenbar galten Höhlen bereits damals – wie auch heute in vielen indianischen Traditionen – als Pforten zu eben jener anderen Welt. Etwas, das jeder, der bereits einmal in einer Höhle übernachtet hat, leicht nachvollziehen kann. Klänge werden in Höhlen ebenso eigentümlich verzerrt und verstärkt wie auch das Licht des Feuers, das sich an den Höhlenwänden bricht und ein magisches Schattenspiel entstehen lässt. Selbst in Höhlen, in denen es keine uralten Bilder zu bewundern gibt, sieht man dann leicht alle möglichen Tiere und Gestalten über die Wände huschen – und man würde sich nicht wundern, wenn sie plötzlich tatsächlich vor einem stünden.

In den auf die Zeit von Chauvet und Hohle Fels folgenden Epochen, dem Gravettien (30.000 bis 22.000 v. Chr.) und dem Magdalenien (18.000 bis 12.000 v. Chr.), häufen sich die Hinweise auf einen schamanistischen Kontext vieler Funde. Aus dem Gravettien sind vor allem die in dieser Zeit verbreiteten Venusfigurinen zu nennen von denen die berühmte Venus von Willendorf aus der österreichischen Wachau wohl die bekannteste ist. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Figuren, die aus einem Gebiet von Westfrankreich bis Sibirien bekannt wurden und die ganz bestimmte Merkmale teilen, was auf einen mehr oder weniger einheitlichen kultischen Hintergrund schließen lässt.

Ganz offensichtlich steht bei den meist großbrüstigen, üppigen Figuren wieder die Fruchtbarkeit im Vordergrund. Anders als bei der Venus vom Hohle Fels werden allerdings viele dieser Figuren mit einem vorgewölbten Bauch dargestellt, der sie als schwangere Frauen erscheinen lässt – ein weiterer Hinweis auf den Fruchtbarkeitsaspekt. Rätselhaft blieb lange, warum die meisten dieser Figuren kein Gesicht aufweisen, obschon andere Funde wie das berühmte Köpfchen aus dem französischen Brassempouy belegen, dass die Künstler jener Zeit durchaus in der Lage waren, Gesichter lebensecht abzubilden.

Statt Gesichter tragen die meisten Venusfigurinen eine Art Kopfbedeckung, die auch die Augen und Ohren bedeckt. Und andere, wie etwa aus dem russischen Kostenki, tragen seltsame Bänder am Oberkörper, die erst jüngst von Forschern mit Riemen verglichen wurden, die sibirische Schamanen bis heute verwenden, um bestimmte Visionsmasken über dem Kopf zu befestigen. Diese dienen der Sinnesdeprivation, also der Abschirmung von Licht und äußeren Geräuschen, was ein Eintauchen in die innere Welt oder Anderswelt erleichtern soll. Es ist durchaus vorstellbar, dass solche Masken bereits vor mehr als 25.000 Jahren im Einsatz waren und die dargestellten Frauen Schamaninnen waren.

In den französischen und spanischen Bilderhöhlen aus dem Magdalenien finden sich andere Hinweise wie etwa zahlreiche »Mischwesen« aus Mensch und Tier, wie wir sie bereits mit dem Löwenmensch aus dem Lonetal kennengelernt haben. Berühmt ist der »Zauberer« aus der französischen Höhle Trois-Frères und Abbé Breuls bekannte Abzeichnung, die in der Literatur zum prähistorischen Schamanismus oft gezeigt wird. Ebenso wie die ebenfalls aus Trois-Frères stammende Zeichnung eines Flöte spielenden, gehörnten Mischwesens, das einem Bisonpaar folgt. Es würde zu weit führen, alle Beispiele zu nennen – im Magdalenien sind die Hinweise auf einen schamanistischen Kult so zahlreich, dass man sie nicht wegleugnen kann.

Offenbar ist der Schamanismus tatsächlich so alt wie der moderne Mensch und er lässt sich als Kult bis in die Zeit der ersten Besiedlung Europas durch den Homo sapiens zurückverfolgen. Ob man den Schamanismus aber auch als »Ur-Religion« bezeichnen kann, wage ich zu bezweifeln. Zumindest wenn man den Begriff »Religion« von lat. »religere« ableitet, was ja »wieder verbinden« bedeuten würde. Die Menschen der Steinzeit empfanden sich genauso wenig wie die Schamanen von heute als getrennt von der Welt und dem Sein, sondern waren eins mit allem Lebendigen, was eine Religion von vorne herein unnötig machte. Jene tritt erst später in Erscheinung, nach der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, in einer Zeit, in der der Mensch die Anbindung an das Ganze verlor und zum einsamem Individuum wurde.

Unser Fazit: Der Schamanismus ist nicht nur ein uralter Begleiter der Menschheit, sondern ein wichtiger Teil unserer eigenen Natur. Wir täten heute gut daran, dem Beispiel zahlloser Generationen zu folgen und die Belebtheit und Einheit aller Dinge zu erkunden und zu feiern. Als Pablo Picasso zum ersten Mal die Bilderhöhle von Lascaux besuchte, soll er tief bewegt gesagt haben: »Wir haben nichts dazugelernt.« Dies gilt nicht nur für die Kunst, sondern auch für den spirituellen Ausdruck, der bereits vor Jahrtausenden Vollkommenheit erreicht hat.

Museumstipp:
Urgeschichtliches Museum Blaubeuren
Kirchplatz 10
89143 Blaubeuren
Telefon: 07344-9669-90
www.urmu.de
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